Ärzte Zeitung, 05.10.2011

Kommentar

Bei Teststreifenregel Ausnahmen nutzen!

Von Wolfgang Geissel

Eine Diabetestherapie ohne Blutzuckermessungen ist wie eine Seereise ohne Kompass. Mit diesem Bild hat kürzlich Professor Hellmut Mehnert die möglichen Konsequenzen der aktuellen GBAEntscheidung auf den Punkt gebracht.

Dass die für Blutzuckerselbstmessungen erforderlichen Teststreifen nicht-insulinpflichtigen Diabetikern nur noch in Ausnahmen von der GKV erstattet werden sollen, kritisiert der Senior der Diabetologie in Deutschland gleichermaßen wie Fachgesellschaften und Patientenverbände.

Die Blutzuckerselbstkontrolle muss für jeden Diabetiker selbstverständlicher Bestandteil der Behandlung bleiben. Auch bei nicht-insulinpflichtigen Diabetikern sind die erhobenen Werte wichtig für Therapie-Entscheidungen. Viele Patienten werden mit den Messungen darüber hinaus motiviert, selbstverantwortlich mit der Stoffwechselkrankheit umzugehen.

Wer selbst einmal gemessen hat, wie eine ungesunde Mahlzeit die Zuckerwerte nach oben treibt oder wie positiv sich ein Abendspaziergang auf die Blutglukose auswirkt, ist in der Regel besonders gut für einen gesunden Lebensstil zu gewinnen.

Es gilt daher, künftig die möglichen Ausnahmen der neuen GBA-Beschränkungen zu nutzen. Sobald der Blutzucker eines Patienten instabil ist - das heißt, der HbA1c sich nicht auf die Zielwerte einstellen lässt oder Hypoglykämien auftreten -, muss regelmäßiges Blutzuckermessen selbstverständlich bleiben.

Ebenso bei Neueinstellungen auf Medikamente und bei körperlichen Anstrengungen. Verbesserungsbedarf gibt es allerdings bei der Qualität der Therapien mit Messungen: Teststreifen dürfen nur ausreichend geschulten Patienten verordnet werden.

Messungen sollten strukturiert erfolgen, etwa für Tagesprofile. Und die Konsequenzen der Werte sind regelmäßig mit den Patienten zu besprechen.

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Teststreifen-Ausschluss hat Hintertürchen

[06.10.2011, 01:09:58]
Dr. Jürgen Schmidt 
Kommt mir bekannt vor !
Als es einst um die Frage ging, ob die Blutglucoseteststreifen beim D.m. Typ II verordnungsfähig werden sollten, also vor etwa 20 Jahren, hatten wir einen Kollegen, der nicht nur durch viele populistische Äußerungen auffiel (die auch in der ÄZ veröffentlicht wurden) und sich damit einen Namen machte,sondern sich mit großer Vehemenz für die damals fast ausschließlich von einem bestimmten Hersteller fabrizierten (übrigens temperatur- und feuchteempfindlichen) Pappstreifen einsetzte.

Wir allen wunderten uns.

Ein paar beherzte Nordrheiner nahmen den Kollegen bei gutem Wein und in fortgeschrittenem Zustand zur Brust und entlockten das Geständnis einer
- drücken wir es neutral aus - geschäftlichen Verbindung.

Damals unterhielt die pharmazeutische Industrie Abteilungen und Personal in den meisten Bundesländern, die um Einflussnahme bemüht waren.

Sollte dies heute anders geworden sein ? zum Beitrag »
[05.10.2011, 21:33:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die G-BA-Regel ist die Ausnahme?
Der G-BA ist mit seinem regulären Blutglucose-Teststreifen Ausschluss für Typ-2-Diabetiker, die (noch) kein Insulin brauchen in jeglicher Hinsicht isoliert und, mit Verlaub, borniert:
1. Werden trotz eindeutiger Studienlage (SteP) die metabolischen Verbesserungen und signifikanten HbA1c-Senkungen unter Blut-Glucose-Selbstmessung der Patienten negiert. Vgl. Polonsky W et al: Structured Blood Glucose Monitoring Intervention Leads To Significant Glycaemic Improvement In Poorly Controlled, Non-Insulin Treated Type-2-Diabetes: Results From The STeP Study. Diabetologia 2010; 53[Suppl 1]: Abstract 1043, S. 417.
2. National und international ist die BZ-Selbstkontrolle bei Typ-1 u n d 2 Diabetikern Gold-Standard, um Eigenverantwortung, Autonomie, Selbstkontrolle zu fördern u n d Spätkomplikationen zu verhindern (Coping-Strategie).
3. Im G-BA verweist ein bald 71-jähriger, alleinentscheidender Vorsitzender Dr. jur. auf den Gebrauch von "Harnteststreifen" und behauptet, die GKV sei nicht für die Verkehrssicherheit von Berufskraftfahrern mit Typ-2-Diabetes zuständig. Gleichzeitig fordert die EU ab 2013 ärztliche Untersuchungen für a l l e Führerscheininhaber/-innen mit Diabetes mellitus.
4. Der Sprecher der Patientenvertreter im UA QS des G-BA behauptet allen Ernstes: "Statt Ramadan und anderem Ernährungsunsinn aus welchen Gründen auch immer wäre manchem Patienten mal ernsthaft eine vernünftige Ernährung zu empfehlen." Er 'vergisst' dabei, dass Schulung und Ernährungsberatung integraler Bestandteil jedes DMP-Diabetes, jeder Rehabilitation und jeder Intervention in Klinik und Praxis sind, o h n e Freiheiten religiöser Fastenregeln a l l e r Weltreligionen missachten zu müssen.
5. Es kann nicht angehen, dass ausschließlich wir Vertragsärztinnen und -Ärzte auf eigenes Risiko mit gutachterlichen Stellungnahmen und unter Regressandrohung Ausnahmeregelungen gegen unbegründete GKV-Einschränkungen durch den G-BA durchfechten müssen.
6. Wenn der G-BA ohne substanzielle Legitimation derart in die Ausübung der Heilkunde eingreifen will, ist er auch für Komplikationen bzw. Morbiditäts- und Mortalitätsentwicklung bei Typ-2-Diabetikern mit verantwortlich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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