Ärzte Zeitung, 19.11.2007

BUCHTIPP DES TAGES

Medizinischer Blick auf Piercings und Tattoos

Tattoos und Piercing sind bei jungen Menschen ein Massenphänomen geworden. Eine Umfrage im Jahr 2003 unter tausend westdeutschen Männern und Frauen ergab: 22 Prozent der Männer bis 44 Jahre und etwa 14 Prozent der Frauen haben mindestens ein Tattoo. 38 Prozent der jungen Mädchen und Frauen bis zum Alter von 24 Jahren haben mindestens ein Piercing. Tätowierungen und Piercings sind die häufigsten Formen von Körperschmuck, der unter die Haut geht, und jeder Hausarzt hat solche Patienten.

Es ist ein Thema, über das der Hausarzt mit den Patienten sprechen sollte, denn je nach Art des eingestochenen oder geritzten Körperschmucks müssen Menschen, die ihn haben oder die ihn sich wünschen, mit medizinischen Kurzzeit- oder Langzeitkomplikationen rechnen.

Das Buch "Body-Modification" des Magdeburger Psychologen Privatdozent Erich Kasten gibt einen Überblick über die Entwicklungen auf diesem Gebiet. Dabei berücksichtigt er nicht nur die häufigsten Formen, sondern auch weniger bekannte Methoden. Dazu gehören Implantate, Skarifizierung - das Erzeugen von Schmucknarben durch Schneiden, Brennen oder Einbringen von Chemikalien - oder das Verändern des Genitales durch Verlängern von Vorhaut, Schamlippen, Penis oder Hoden.

Das Verdienst dieses Buches ist, dass der Autor mit Hintergründen und Beispielen einen Bogen schlägt von den traditionellen Formen des Körperschmucks und den dazugehörigen Ritualen zu den modernen Formen. Kasten beschreibt, was den Motiven für invasive Körperveränderungen bei Naturvölkern und Menschen der heutigen, westlichen Zivilisation gemeinsam ist und was sich verändert hat. Viele Ärzte werden mit dem Buch eintauchen in eine Welt neuer, aber auch ganz archaischer Formen von Ritual, Suche nach Sinn, sexueller Motivation, Suchtverhalten oder auch dem Versuch, durch Körpermodifikation seelische Störungen zu lindern.

Kasten dramatisiert und wertet nicht, er zeigt beispielhaft das Offensichtliche, aber auch die Welt hinter den Erscheinungsformen samt ihren gesundheitlichen Gefahren, die viele Anwender und in den Einzelheiten aber auch viele Ärzte nicht kennen dürften. (nsi)

Erich Kasten: Body-Modification. Ernst Reinhardt Verlag, München 2006, 395 Seiten, 133 Abbildungen und Tabellen. 29,90 Euro, ISBN 3-497-01847-3

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