Ärzte Zeitung online, 02.04.2015

Nickel-Allergie

Wenn die Ostereier-Jagd zum Albtraum wird

Bei Kindern mit atopischer Dermatitis sollten Eltern an Ostern besonders aufpassen: Ist der Nachwuchs nickelempfindlich, kann die Eiersuche böse enden.

Von Thomas Müller

Wenn die Ostereier-Jagd zum Albtraum wird

Jeder will sie haben an Ostern: Eier - echte oder aus Schokolade. Bei zweiteren sollten Eltern besonders gut Acht geben, wenn ihre Kinder an atopischer Dermatitis leiden.

© WavebreakmediaMicro/fotolia.com

LOMA LINDA. Es war zunächst ein Rätsel, weshalb bei vier Kindern kurz nach Ostern eine derart schwere systemische Kontaktdermatitis wieder aufflammte, dass sie in einer Klinik in Kalifornien behandelt werden mussten.

Bei den zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen vier und sieben Jahren war zuvor eine Nickel-Kontaktallergie festgestellt worden, die zu einer ausgeprägten atopischen Dermatitis geführt hatte.

Auch die Therapie mit topischen Kortikoiden und topischen Immunmodulatoren war nicht ausreichend - den Kindern wurde daher eine strikte Nickel-meidende Diät auferlegt.

Keine Erdnüsse oder Erdnussbutter, keine Schokolade, kein Hafer, kein Industriekäse. All diese Nahrungsmittel weisen einen recht hohen Nickelgehalt auf.

Diät ist zunächst erfolgreich

Wie Dermatologen um Dr. Sharon Jacob von der Universität in Loma Linda berichten, schafften es die Eltern tatsächlich, eine solche Diät bei ihrem Nachwuchs einzuhalten, worauf die Dermatitis langsam zurückging (Jacob, S. E. et al. Easter egg Hunt Dermatitis).

Zwei bis vier Tage nach Ostersonntag war es damit aber vorbei: Die vier Kinder erlitten einen schweren Rückschlag mit Ekzemen, die mehr als 60 Prozent der Körperoberfläche bedeckten.

Die Eltern beteuerten jedoch, dass sie die Diät auch über die Osterfeiertage strikt eingehalten hätten.

Andere Gründe für die aufflammende generalisierte Dermatitis als eine Nickelaufnahme über die Nahrung ließen sich jedoch nicht aufspüren.

Schließlich gaben die Kinder zu, sich bei der offensichtlich sehr erfolgreichen Ostereiersuche mit Schokolade vollgestopft zu haben - ohne dass die Eltern dies bemerkt hatten.

Besondere Vorsicht an schokoladenfokussierten Feiertagen

Der Tipp der Dermatologen lautet daher, gerade an schokoladenfokussierten Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten nickelempfindliche Kinder nicht aus den Augen zu lassen.

Neben Schokolade gibt es jedoch noch eine Reihe weiterer Verlockungen mit hohem Nickelgehalt.

Dazu zählen Haferflocken (im Schnitt 2,3 mg/kg Nickel), Sonnenblumenkerne (2,9 mg/kg) und diverse Bohnen (0,6-0,8 mg/kg).

Wichtig: Weiße Schokolade enthält ähnlich viel Nickel (1 mg/kg) wie dunkle Varianten. Und natürlich sind alle schokoladehaltigen Brownies, Kekse und Kuchen tabu.

Als sich die vier Kinder wieder an die nickelarme Diät hielten, gingen die Ekzeme über einen Zeitraum von zwei bis acht Wochen zurück.

Bei einem der Kinder kam es ein Jahr später jedoch erneut zu einer schweren systemischen Kontaktdermatitis - nachdem es eine ganze Tafel Schokolade verschlungen hatte.

[02.04.2015, 20:10:35]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Loma Linda-Universität" sollte die Kirche im Dorf lassen!
Vorsicht, Falle! Es handelt sich hier um einen simplen "Fall-Bericht" aus der 7-Tage-Adventisten-Universität in Kalifornien/USA ["Adventist Health Sciences Center | University | Department of Dermatology, Loma Linda University, Loma Linda, California"]. Der Titel ist:
"Case Report - Easter Egg Hunt Dermatitis: Systemic Allergic Contact Dermatitis Associated with Chocolate Ingestion - Authors Sharon E. Jacob..." et al.

Ganze v i e r Einzelbeobachtungen sind n i c h t hinreichend für einen klinisch behaupteten Kausalitätszusammenhang zwischen "schwerer systemischer Kontaktdermatitis", wenn "zuvor eine Nickel-Kontaktallergie festgestellt worden (war), die zu einer ausgeprägten atopischen Dermatitis" geführt haben soll.

Das Autorenteam drückt sich vorsichtiger aus: Die A s s o z i a t i o n einer systemischen allergischen Nickel-Kontaktdermatitis mit Kakao und damit k e i n e Kausalität werden behauptet bzw. durch vier klinische Fälle belegt. ["Abstract - Pediatric systemic allergic contact dermatitis to nickel has previously been reported in association with cocoa. We present four clinical cases of hypersensitivity temporally associated with chocolate consumption at Easter. Clinicians should be aware of the potential for foods high in nickel to provoke patients with known nickel sensitivity and systemic dermatitis"].

Dabei bleibt nicht nur den Autoren schleierhaft, ob es sich nach ICD-10-GM 2015 um die Diagnose einer L27.2 Dermatitis durch (oral) aufgenommene Nahrungsmittel [Exkl.: Dermatitis durch Nahrungsmittel bei Hautkontakt (L23.6) (L24.6) (L25.4)]
oder
um die Diagnose einer L24.6 Toxische Kontaktdermatitis durch Nahrungsmittel bei Hautkontakt [Exkl.: Dermatitis durch aufgenommene Nahrungsmittel (L27.2)] handelt?

Bei Nickel- oder viel häufiger Chrom-Nickel-Allergie käme auch die Diagnose einer L24.5 Toxische Kontaktdermatitis durch sonstige chemische Produkte in Frage. Dies setzt aber auch einen direkten Hautkontakt und keinen Verzehr voraus.

Die Tatsache, dass Nickel in vielen Nahrungsmitteln als (essenzielles?) Spurenelement vorhanden ist und bei oraler Nahrungsaufnahme von Schokoladeneiern problemlos toleriert wurde bzw. gastrointestinal symptomlos blieb, müsste doch logischerweise die Frage aufwerfen, w a r u m und vor allen Dingen w i e damit zugleich eine systemische allergische Kontaktdermatitis ["Systemic Allergic Contact Dermatitis"] durch Nickel-Ingestion provoziert werden könnte?

Wenn die Loma Linda-Autoren meinen, ausgerechnet Schokoladen-Ostereier mit ihrem Nickel-Gehalt von ca. 1 mg/kg seien der Auslöser für allergische Kontaktdermatitis ausgerechnet bei Kindern mit bereits vorbestehender atopischer Dermatitis ist das naiver Empirismus: Schokolade enthält Tausende von Grundsubstanzen, Spurenelementen, organischen Verbindungen, Mikronährstoffen etc.: Weshalb sollte dann nur und ausschließlich Nickel für eine schwere Exazerbation einer atopischen Dermatitis alleine verantwortlich sein? Und nicht z. B. die bunt bedruckten Stanniolverpackungen der Ostereier??

Mf+kG, Dr. med. Thomas Schätzler, FAfAM Dortmund
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