Ärzte Zeitung, 31.03.2004

Warum geht ein Erwachsener zum Kinderarzt?

Durch neue Therapien leben Menschen mit angeborenen Herzfehlern lange / Ein neuer Patiententyp ist entstanden

Jährlich kommen in Deutschland etwa 7000 Babys mit angeborenen Herzfehlern zur Welt. Frühzeitige Operationen oder Herzkatheterbehandlungen sichern heute auch Kindern mit schweren Herzfehlern eine gute Lebensqualität und ein langes Überleben. So ist ein neuer Patiententyp entstanden: Erwachsene mit angeborenem Herzfehler.

Von Wolfgang Duveneck (dpa)

Privatdozent Martin Schneider und sein Team im Katheterlabor der Asklepios Klinik in Sankt Augustin. Foto: dpa

Der 38 Jahre alte Lutz Lischke aus Berlin ist einer von ihnen. Betreut und behandelt wird er nach wie vor von Kinderkardiologen. Denn die Erwachsenenmedizin ist oft noch nicht auf die groß gewordenen Kinder mit Herzfehlern vorbereitet.

Station K2 im Deutschen Kinderherzzentrum der Asklepios Klinik in Sankt Augustin bei Bonn: Dort, wo sonst vor allem Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche behandelt werden, hat Lutz Lischke für eine Nacht ein Einzelzimmer bezogen. Er wirkt gelassen, als er um 8.30 Uhr ins Herzkatheterlabor geht, vorbei am Spielzimmer der Kinder.

Blaue Lippen, blaue Hände - eindeutig schwerer Herzfehler

Lischke ist ein sportlicher Typ, 1,77 Meter groß, mit 75 Kilo hat er Idealgewicht. Das war nicht immer so. Als Kind wurde er oft gehänselt, sogar später noch. "Skelett haben die mich genannt, weil ich so dünn war", erinnert sich Lischke. Als "Blue Baby" war er zur Welt gekommen - blaue Lippen, blaue Hände, für die Ärzte damals am 28. März 1966 sofort der Hinweis auf einen schweren angeborenen Herzfehler.

Seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte er hauptsächlich in Kliniken. In seiner körperlichen Entwicklung blieb er im Vergleich zu anderen Kindern stark zurück. Erst dann brachte eine Operation in Heidelberg eine leichte Besserung. Weitere sechs Jahre später wurde in einer britischen Klinik der Herzfehler korrigiert. Dabei wurde auch die Herzklappe der Lungenschlagader ersetzt. Inzwischen mußte die Klappe schon drei Mal ausgewechselt werden - wegen des Größenwachstums, aber auch, weil Vernarbungen und Verkalkungen entstanden.

Ein weiterer operativer Eingriff wäre für den 38jährigen mittlerweile wegen der ausgeprägten Vernarbungen nach den früheren Operationen sehr risikoreich. Eine neue Einengung in der eingesetzten Klappe wird deshalb seit inzwischen fünf Jahren mit Hilfe von Gefäßstützen - so genannten Stents - beseitigt. Sie werden über einen Herzkatheter eingesetzt. Bislang hat Lutz Lischke drei solcher Stents erhalten.

Ein Stent soll Druck auf andere Gefäßstützen verringern

An diesem Morgen will der Kinderkardiologe Privatdozent Martin Schneider über einen Katheter einen weiteren Stent einsetzen, um den Druck, der auf den alten Gefäßstützen lastet, zu verringern. Viele angeborene Herzfehler haben eine besondere Belastung der rechten Herzkammer zur Folge, weil die Kammer ständig gegen die Belastung anpumpen muß - eine Situation, die mit Erkrankungen, die erst im Erwachsenenalter entstehen, nicht vergleichbar ist.

"Das ist der Grund dafür, daß ein Patient wie Lutz Lischke beim Kinderkardiologen, dem Arzt für angeborene Herzerkrankungen, in den richtigen Händen ist", sagt Schneider. Über die Vene führt er den rund drei Millimeter dicken Herzkatheter in die rechte Leiste ein. Ein kleiner Ballon soll probeweise aufgeblasen werden, genau an der Stelle, wo eine weitere Gefäßstütze eingesetzt werden soll. Doch der Ballon zerplatzt. Auch ein zweiter Versuch mißlingt. Lischke nimmt es gelassen. Schließlich ist dies die 60. Herzkatheterbehandlung.

Der 38jährige benötigt möglichst bald einen maßgeschneiderten Stent. Eine solche Anfertigung aber ist nicht einfach. Schneider erläutert: "Durch die Fusionen der Herstellerfirmen wird es weltweit immer schwieriger, individuelle Anfertigungen produzieren zu lassen. Für die großen Unternehmen rechnet sich das nicht."

Für Lutz Lischke heißt es zunächst wieder Koffer packen - die Behandlung wird vertagt. Am übernächsten Tag ist er wieder an der Arbeit. Der gelernte Bankkaufmann arbeitet in einem großen Unternehmen im Bereich der IT-Organisation, acht Stunden täglich, manchmal auch mit Überstunden. Wer ihn nicht kennt, merkt ihm die Herzkrankheit nicht an, denn er ist leistungsfähig wie alle anderen auch.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Amazonas-Volk hat die gesündesten Gefäße weltweit

In einer geradezu heroischen Studie haben US-Forscher Eingeborene der Amazonas-Region zur Calcium-Score-Messung in einen CT-Scanner geschoben. Noch nie wurde ein Volk mit so gesunden Arterien beschrieben. mehr »

Dann ist ein Hausbesuch abrechenbar

Die vollständige und vor allem korrekte Abrechnung der so genannten Leichenschau stellt Ärzte immer wieder vor Probleme. Beispielsweise stellt sich die Frage nach der eigenständigen Berechnung des Hausbesuchs. mehr »

Kiffen schädigt wohl doch Herz und Hirn

Cannabis-Konsum erhöht offenbar doch das Risiko für Schlaganfall und Herzschwäche. Zumindest hat sich ein entsprechender Zusammenhang in einer umfassenden US-amerikanischen Analyse gezeigt. mehr »