Forschung und Praxis, 22.05.2006

Schlußlichter der kardiovaskulären Prävention: Europäer und Frauen

REACH-Registerstudie offenbart Versorgungslücken auch in Deutschland

Die ersten Ergebnisse der Ende 2003 gestarteten internationalen REACH-Registerstudie zur Atherosklerose und ihren Folgen haben unter Experten in Westeuropa für Ernüchterung gesorgt: 60 Prozent der etwa 18 000 REACH-Patienten in Westeuropa - besonders auch in Deutschland - erreichen nicht das Blutdruckziel (unter 140 / 90 mmHg). Bei 48 Prozent gelingt es nicht, das Gesamtcholesterin unter 200 mg / dl zu senken.

Philipp Grätzel von Grätz

"Ich finde diese Ergebnisse schockierend". Professor Christian Hamm vom Herzzentrum Bad Nauheim kann angesichts der beim ACC präsentierten, ersten Auswertung des REACH-Registers nur den Kopf schütteln. Bei der bisher mit Abstand größten Registerstudie zur Atherosklerose und ihren Folgen schneidet Westeuropa schlecht ab. Nur in Osteuropa werden die Ziele bei der blutdruck- und der lipidsenkenden Therapie seltener erreicht.

Doch der Reihe nach: Das REACH-Register (Reduction of Atherothrombosis for Continued Health) ist ein von Sanofi-Aventis und Bristol Myers-Squibb unterstütztes, globales Atheroskleroseregister, das über 60 000 Patienten im Alter von 45 Jahren oder mehr umfaßt. Mit Ausnahme von Afrika sind alle Regionen der Welt vertreten: Nordamerika, Europa, Rußland, China, Japan, Ozeanien, Südamerika und der Mittlere Osten.

Ereignisrate korreliert mit Zahl der atherosklerotischen Gefäße

Die Ein-Jahres-Auswertung ergab bei Patienten mit bekannter atherosklerotischer Gefäßerkrankung des Herzens, des Gehirns oder der Extremitäten eine kardiovaskuläre Sterblichkeit von 1,9 Prozent und eine kombinierte Ereignisrate von 5 Prozent (Myokardinfarkt, Schlaganfall, kardiovaskulärer Tod) und von 15 Prozent, wenn auch die Klinikeinweisungen aus kardiovaskulärer Ursache mitgezählt wurden. In der etwa 10 000 Patienten starken Kohorte, in der die Patienten drei oder mehr kardiovaskuläre Risikofaktoren, jedoch keine bekannte Atherosklerose hatten, lagen die jeweiligen Quoten nur etwa bei einem Drittel dieser Werte (0,7, 2,1 und 5,4 Prozent).

Sind atherosklerotische Erkrankungen bekannt, hängt die Ereignisrate dramatisch von der Zahl der befallenen Gefäßregionen ab: Bei zwei betroffenen Gefäßbetten liegt sie bereits bei 21,8 Prozent, bei drei Regionen sind es 28 Prozent in zwölf Monaten, jeweils inklusive Hospitalisierungen.

Vor diesem Hintergrund sind die Daten zur Versorgungssituation in Westeuropa besorgniserregend, wie nicht nur Hamm, sondern auch Privatdozent Dr. Uwe Zeymer vom Herzzentrum Ludwigshafen findet, der die Details der REACH-Ergebnisse bei einer Veranstaltung von Sanofi-Aventis und Bristol Myers-Squibb in Atlanta vorstellte.

60,3 Prozent jener knapp 18 000 REACH-Patienten, die in Westeuropa leben, erreichen nicht das Blutdruckziel, definiert als Blutdruck von 140 mmHg systolisch und 90 mmHg diastolisch oder darunter. Bei 48,3 Prozent der Patienten gelingt es nicht, den Wert für das Gesamtcholesterin unter 200 mg / dl zu bringen. Und 17 Prozent aller Gefäßpatienten rauchen.

Schlechter ist nur noch Osteuropa, wo jeweils 65 Prozent der Patienten das Blutdruck- und Cholesterinziel nicht erreichen und wo 21 Prozent der Betroffenen rauchen. In Nordamerika ist die Blutdruckeinstellung bei 40 Prozent unzureichend, beim Cholesterin haben dort lediglich 29 Prozent noch Nachholbedarf. Etwas schlechter, aber immer noch sehr viel besser als Westeuropa, schneidet die Asien-Pazifik-Region ab. Sowohl in Nordamerika als auch in Asien liegt auch die kardiovaskuläre Ereignisrate bei Patienten mit bekannter Atherosklerose mit jeweils 13,9 und 10,3 Prozent unterhalb der in Westeuropa (15,4 Prozent).

Vor allem Deutschland muß die REACH-Daten zur Versorgungssituation zur Kenntnis nehmen, wie Zeymer betonte. Der Grund: Von den knapp 18 000 Patienten in Westeuropa kommt jeder dritte aus Deutschland! Deutschlandspezifische Auswertungen zeigen: 70 Prozent der Patienten mit bekannter atherosklerotischer Erkrankung bekommen ASS, 26 Prozent einen anderen Plättchenaggregationshemmer und 11 Prozent beides.

Weltweit ist die Quote derer, die beides erhalten, mit 16 Prozent etwas höher. 71 Prozent der Atherosklerose-Patienten in Deutschland erhalten ein Statin; 55 Prozent sind es bei jenen mit drei oder mehr Risikofaktoren ohne bekannte Atherosklerose. Weltweit erhalten dagegen 72 Prozent derjenigen mit Risikofaktoren, aber ohne bekannte Atherosklerose, ein Statin.

Die Europäer sind aber nicht die einzige Subgruppe, die im REACH-Register schlecht wegkommt. Ähnliches gelte für Frauen, so Zeymer. In der Gesamtpopulation verfehlen 55 Prozent der Frauen, aber nur 47 Prozent der Männer das Blutdruckziel.

65 Prozent der Männer, aber nur 52 Prozent der Frauen haben ein Gesamtcholesterin von weniger als 200 mg / dl. 81 Prozent der Männer, aber nur 74 Prozent der Frauen werden mit Plättchenhemmern behandelt. Lediglich beim Rauchen führen die Männer. Noch.

FAZIT

Das REACH-Register ermöglicht erstmals den globalen Vergleich der Versorgung von Atherosklerose-Patienten. Westeuropa schneidet insgesamt schlecht ab. Die kardiovaskuläre Ereignisrate bei Patienten mit bekannter Atherosklerose ist hoch und deutlich abhängig von der Zahl der betroffenen Gefäßregionen. Die Ereignisrate bei Patienten, die nur Risikofaktoren haben, liegt dagegen nur bei etwa einem Drittel.

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