Ärzte Zeitung online, 04.08.2012

Reanimation

Debatte um Prognose-Score

Ein rasch am Bett zu ermittelnder Score liefert recht zuverlässige Infos, ob Patienten eine Reanimation ohne schwere neurologische Schäden überleben werden. Der Score wirft ethische Fragen auf.

Debatte um Prognose-Score

Defibrillation: Schlechtere Prognose, wenn sie länger als zwei Minuten dauert?

© Photodisc / Thinkstock / Getty Images

KANSAS CITY (DE). Kardiologen haben einen Score entwickelt, mit dem sich die neurologische Prognose von Überlebenden eines Herzstillstandes einschätzen lässt (Arch Intern Med 2012; 172: 947-953).

Nun werden ethische Fragen diskutiert: Kann ein schlechter Score dazu verleiten, die Reanimation früher zu beenden?

Nicht selten erleiden Patienten im Krankenhaus einen Herzstillstand und werden erfolgreich reanimiert.

Mit einem einfachen, am Bettrand rasch zu ermittelndem Score können jetzt recht zuverlässige Informationen gewonnen werden, ob der Patient den Zwischenfall ohne schwere neurologische Beeinträchtigungen überleben wird.

Daten von knapp 43.000 Klinikpatienten bewertet

Die Studienautoren um Dr. Paul S. Chan vom Mid America Heart Institute in Kansas City hatten dazu im "Get within the Guidelines-Resuscitation Registry" knapp 43.000 Krankenhaus-Patienten identifiziert, die nach einem Herzstillstand erfolgreich reanimiert wurden.

Bei zwei Drittel der Patienten forschten sie nach Variablen, die mit einer guten Prognose einhergingen, und entwickelten auf dieser Basis einen Score.

Beim restlichen Drittel der Patienten überprüften sie dann, ob der Score zum gleichen Ergebnis führt.

Insgesamt überlebte ein Viertel der Patienten in beiden Kohorten den Zwischenfall ohne schwerwiegende Folgen. Die wichtigsten Determinanten für ein gutes Outcome waren:

Initiales Kammerflimmern oder pulslose Tachykardie bei einer Defibrillationsdauer von weniger als zwei Minuten

Keine neurologischen Defizite vor dem Herzstillstand

Kurze Reanimationsdauer

Ferner erwiesen sich folgende Umstände als günstig: Junges Alter, Herzstillstand unter Überwachung, keine Beatmung, keine Hypotonie, keine Sepsis, weder Nieren- noch Leberinsuffizienz.

Für all diese Variablen gab es Punkte, die in einen Score von 0 bis 40 Punkte einflossen.

Der Score erwies sich als sehr prädiktiv: Patienten mit 0 bis 10 Punkten überlebten den Herzstillstand unbeschadet mit 71-prozentiger Wahrscheinlichkeit, Patienten mit 30 bis 40 Punkten nur mit 3-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

Früher Stopp der Reanimation bei schlechter Prognose?

In einem begleitenden Editorial (Arch Intern Med 2012;172(12): 954-954) wird die Arbeit kritisch diskutiert.

Der Score sei zwar explizit entwickelt worden, um nach erfolgreicher Reanimation eine Prognose-Abschätzung vorzunehmen und Patienten und Angehörige besser informieren zu können.

Doch stünde zu befürchten, dass der Score schon bei der Reanimation zur Hilfe genommen wird und bei schlechten Aussichten zu einem früheren Einstellen der Bemühungen Anlass geben könnte, schreiben Ella Huszti und Graham Nichol aus Seattle.

Die Autoren um Paul Chan wehren sich auf dem Kardioportal "heartwire": "Wir haben in unserer Publikation sehr deutlich gemacht, dass es uns darum geht, die spezifische Patientenversorgung zu verbessern, auf gar keinen Fall wollen wir Schwellenwerte vorschlagen, ab wann die Behandlung einzustellen sei."

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