Ärzte Zeitung, 02.10.2015

VW-Skandal

Kühe schädlicher als Autos

Smog und Abgase erhöhen Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Allerdings ist der Straßenverkehr längst nicht die gefährlichste Schmutzquelle: Fast die Hälfte der Todesfälle lässt sich angeblich auf Feinstaub aus der Agrarindustrie zurückführen.

Von Thomas Müller

Kühe sind schädlicher als Autos

Gesundheitsgefahr Kuh? Gefährlicher als Autoabgase soll die Agrarindustrie sein.

© catolla / Fotolia.com

NEU-ISENBURG. Nach dem Skandal um manipulierte Abgaswerte bei VW melden sich auch Ärzte zu Wort. "Leider wird die aktuelle Debatte überwiegend unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt", kritisiert der stellvertretende Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. Veit Wambach.

Doch was weiß man inzwischen über die Gefahren durch Autoabgase? Hierzu hat es in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von epidemiologischen Untersuchungen gegeben.

Schlaganfallrisiko erhöht

So schnellt etwa an Tagen mit schlechter Luftqualität das Schlaganfallrisiko deutlich in die Höhe. Nach einer Metaanalyse von 94 Studien lässt sich für Feinstaub-Partikelgrößen unter 2,5 Mikrometer (PM2,5) eine Erhöhung des Schlaganfallrisikos um 1,1 Prozent pro 10 μg/m3 Luftkonzentration berechnen.

Das klingt zunächst wenig, aber bei Spitzenbelastungen um 50-100 μg/m3, wie sie auch in Deutschland möglich sind, entspräche dies bereits einer Risikoerhöhung um 5-10 Prozent.

Ebenfalls riskant ist nach Angaben der Forscher um Anoop Shah aus Edinburgh Feinstaub mit Partikelgrößen unter 10 Mikrometer (PM10). Für diese Fraktion fanden die Forscher zwar nur eine relative Risikoerhöhung um 0,3 Prozent pro 10 μg/m3.

Allerdings ist die PM10-Konzentration in der Regel höher als die von PM2,5. Bei Inversionswetterlagen kann die Belastung in deutschen Städten auf Werte über 200 μg/m3 steigen.

Varianz der Studien hoch

Solche Angaben dürfen jedoch nicht für bare Münze genommen werden, die Varianz der einzelnen Studien ist recht hoch. So kommt eine vor drei Jahren veröffentlichte Untersuchung zu dem Schluss, dass sich bei einem Anstieg des PM2,5-Wertes um 10 μg/m3 das Schlaganfallrisiko bereits um 17 Prozent erhöht, das ist also 15-mal mehr als in der genannten Metaanalyse.

Bei der Studie im Großraum Boston kam es bereits an Tagen mit mäßig guter Luft (PM2,5-Werte von 15-40 μg/m3) zu einem Drittel mehr Schlaganfällen als an Tagen mit guter Luft (PM2,5-Werte unter 15 μg/m3).

Ähnliche Berechnungen lassen sich auch für andere Luftschadstoffe anstellen. Legt man die Ergebnisse von Shah und Mitarbeitern zu Grunde, dann steigt das Schlaganfallrisiko an Tagen mit einer hohen Schwefel- und Stickoxidbelastung in deutschen Städten um 50 bis 150 Prozent.

Allerdings dürfte es schwer sein, den Einfluss der einzelnen Luftschadstoffe zu trennen: Bei schlechter Luft sind die Werte von fast allen Schadstoffen erhöht.

Wenig überraschend, dass Luftschadstoffe in ähnlichem Ausmaß auch das Herzinfarktrisiko erhöhen - darauf deutet eine ebenfalls vor drei Jahren veröffentlichte Metaanalyse von 34 Studien .

Smog hemmt zudem auch die Lungenentwicklung von Kindern und fördert das Risiko von Asthma sowie Allergien. Aufgrund solcher Studien wird diskutiert, ob die derzeitigen EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid (40 μg/m3 im Jahresmittel), PM2,5 (25 μg/m3) und PM10 (40 μg/m3) nicht deutlich zu locker sind. Auspuffabgase tragen jedoch nur einen gewissen Teil zur Luftbelastung bei.

So produziert der Verkehr nach Angaben des Umweltbundesamtes rund 40 Prozent der Stickoxidemissionen. Hierfür sind vor allem Dieselfahrzeuge verantwortlich. Die Feinstaubbelastung lässt sich etwa zur Hälfte auf den Straßenverkehr zurückführen. Davon entfällt aber wiederum nur etwa die Hälfte auf Abgase, der Rest entsteht durch Reifenabrieb und aufgewirbelten Staub. Würden alle nur noch mit Elektroautos fahren, ließe sich die Feinstaubbelastung demnach lediglich um ein Viertel senken.

Größter Killer: Landwirtschaft

Fasst man die gegenwärtigen Erkenntnisse zusammen, dann ist nach einer aktuellen Analyse von Mainzer Wissenschaftlern um Dr. Jos Lelieveld in Deutschland mit rund 35.000 vorzeitigen Todesfällen aufgrund von Luftschadstoffen zu rechnen (Nature 2015; 525:367-371).

Der größte Killer ist hierbei aber die Landwirtschaft: Fast die Hälfte der Todesfälle lasse sich auf sekundär erzeugten Feinstaub aus der Agrarindustrie zurückführen.

Ursache sind feinstaubbildende Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung. Der Straßenverkehr ist nach Angaben der Forscher für rund 20 Prozent der Todesfälle verantwortlich.

[02.10.2015, 21:25:37]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
hallo, Herr Dr. Thomas Georg Schätzler
ausgerechnet CO2 ist nützlich, ja lebenswichtig für unsere Pflanzenwelt, von der wir leben,
denn die gibt uns den Sauerstoff des CO2 zum Atmen dafür zurück.
Schadstoffe sind alles mögliche, nur ganz sicher NICHT CO2.
Deshalb ist durch den zweifellos angestiegenen CO2-Gehalt die Welt grüner geworden und die Ernten DEUTLICH besser.

Gruß zum Beitrag »
[02.10.2015, 18:06:45]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Danke Ärztezeitung, ein guter Beitrag: Kühe schädlicher als .....
... oder Feinstaub (in unserem regulierten Land) hat überhaupt keinen Einfluss auf die Sterblichkeit,
denn sonst müssten doch die Landwirte früher sterben, tun sie nur nicht!!!

Nicht zu vergessen die hohe Sterblichkeit im Schlafzimmer,
denn hier sorgt bekanntlich der winzige Milbenkot zu einer Feinstaukonzentration, die locker die Grenzwerte der EU für Innenstädte übertrifft.
Ja ein Arzt muss auch unappetitliche Fakten kennen, wie könnte man sonst Proktologie betreiben?
Zurück also zu den Milben,
man hat bei älteren Kopfkissen, die ja bekanntlich mit dem Alter immer schwerer werden, schon Milbenanteile bis zu 40% gemessen,
brrrr zum Beitrag »
[02.10.2015, 17:41:00]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ Kollege Dr. med. Henning Fischer
Bei Benzin oder Diesel getriebenen Fahrzeug-Motoren wird der Schadstoff-Ausstoß in der Regel immer als Kohlenstoffdioxid-Emissionen in Gramm/km im Fahrzyklus zu Vergleichszwecken angegeben. Deshalb konnte ich auf Ihre "Feinstaub, Schwefel- und Stickoxidbelastung, Luftschadstoffe" gar nicht näher eingehen. Dazu f e h l e n zuverlässige Vergleichsdaten der Automobil- und Motoren-Industrie. Oder stehen diese Angaben Ihnen für Ihren Wagen zur Verfügung? Dann 'raus mit der Sprache!

Das ist ja auch meine entscheidende Kritik an der Schadstoff-Ausstoß-Debatte: Manipulierte Bedingungen bei Umweltverträglichkeits-Prüfungen oder f e h l e n d e Angaben zu Feinstaub-, Schwefel- und Stickoxidbelastung bzw. weiteren Luftschadstoffen bei Menschen, Maschinen, Tieren, Agrar-, Energie-, Transport-, Verkehrs- und Großindustrie unter realistischen Praxis-Bedingungen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[02.10.2015, 16:02:06]
Dr. Henning Fischer 
Feinstaub, Schwefel- und Stickoxidbelastung, Luftschadstoffe

<> CO2 ?

 zum Beitrag »
[02.10.2015, 13:53:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Wo bleibt der Mensch in diesen Umwelt-Bilanz-Analysen?
Dr. Matthias Heil, Vorstands-Sprecher des Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim: „Jeder Mensch unterscheidet sich... Man kann sich aber annähern: Der CO2-Gehalt der Ausatemluft liegt recht konstant bei 4 Prozent, also 40 Milliliter CO2 pro Liter Luft. Dies entspricht bei 0 Grad Celsius ungefähr 80 Milligramm.

Der Sauerstoffverbrauch wird von vielen Dingen beeinflusst – etwa durch die Körpergröße beziehungsweise -masse und durch die Aktivität des Menschen. Auch die Anteile an Fett und Muskulatur haben einen Effekt: Muskulatur hat im Verhältnis zu Fettgewebe einen wesentlich höheren Grundumsatz, sodass eher muskulöse Menschen bereits in Ruhe mehr CO2 produzieren als eher untrainierte.

Noch vielschichtiger wird es bei körperlicher Aktivität. Während in Ruhe ungefähr 4 Liter Luft pro Minute die Lunge passieren, steigert sich dies bei körperlicher Belastung auf über 50 Liter pro Minute. Über das Jahr verteilt, bedeuten diese beiden Extreme 2.100 Kubikmeter Luft oder 168 Kilogramm CO2 in Ruhe gegenüber 25.500 Kubikmeter Luft oder 2.040 Kilogramm CO2 bei Dauerbelastung.

Die Zahlen zeigen vor allem eines: Die individuelle Lebensweise hat einen enormen Einfluss auf unseren CO2-Ausstoß. So gesehen, hätte der kleine, unsportliche Typ, der sich nie bewegt, sondern den ganzen Tag auf dem Sofa liegt, die beste Klimabilanz. Liefe dabei jedoch der Fernseher, würde die Rechnung schon wieder nicht mehr aufgehen.“

Hinzu kommen große Mengen von CO²-Ausstoß durch Kohlensäure-haltige Getränke (Bier, Limo, Cola, Soda, Mineralwasser etc.). Von den feinstaubbildenden Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung sind wir Menschen zwar noch weit entfernt. Aber menschlicher Meteorismus (cave Vegetarier), Ausscheidungsprodukte (einschließlich deren Wiederaufbereitung) und Epithel-Zellabrieb spielen insbesondere in den bevölkerungsepidemiologischen, demografischen Ballungsräumen eine ernstzunehmende Rolle.

Hinzu kommt, dass überall dort, wo extrem viele Autos fahren, ebenso extrem viele Menschen auf engstem Raum wohnen, CO² abatmen, CO²-haltige Getränke zu sich nehmen, verdauen, ausscheiden, und dies alles in Klärwerken wieder aufbereitet wird.

Doch dieser offenkundige Zusammenhang ist bisher in keiner einzigen der mir bekannten Studien zur Umweltbilanz hergestellt oder berücksichtigt worden. Bevor allein Benzin- und Dieselfahrzeuge bzw. landwirtschaftliche Tierhaltung für unsere desaströsen CO²-Bilanzen verantwortlich gemacht werden, dagegen LKW- und Schiffsdieselmotoren oder technologisch rückständige Kohlekraftwerke ungebremst CO² ausstoßen dürfen und nicht mal der Faktor "Mensch" Berücksichtigung findet, bleiben alle Ursachen- und Schuldzuweisungen nebst Tricksereien bei Diesel-PKW-Emissionsmessungen vollkommen irrelevant.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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