Ärzte Zeitung, 01.03.2004

Neuer Stent erstmals in Hirngefäß implantiert

Selbstexpandierender Stent erweitert Blutgefäß eines 63jährigen / Erhoffter Vorteil ist geringeres Restenose-Risiko

HEIDELBERG (ner). In Heidelberg ist nach Angaben der dortigen Universität weltweit zum ersten Mal ein selbstexpandierender Stent zur Erweiterung eines Blutgefäßes im Gehirn eines 63jährigen Mannes implantiert worden. Die Neuroradiologen hoffen, daß Stenosen damit länger als bisher offen gehalten werden können.

Bislang seien bei Patienten mit intrakraniellen atherosklerotischen Gefäßstenosen als ultima ratio ballonexpandierbare Stents eingesetzt worden wie sie bei Koronarpatienten verwendet werden, sagte Privatdozent Marius Hartmann von der Abteilung für Neuroradiologie an der Uni Heidelberg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Das neue Stentsystem für Hirnarterien ist besonders flexibel

Die bisherigen Stents bestehen aus einem Material, das nicht für Hirngefäße geschaffen wurde, so Hartmann. Das neue Stentsystem Wingspan des Unternehmens Boston Scientific SMART sei wesentlich flexibler. Hartmann: "In der sehr kurvenreichen supra-aortalen Anatomie hat man mit diesem System höhere Chancen, den Stent vor Ort zu bringen bei vergleichsweise geringerer Traumatisierung".

Angiographie der Gehirngefäße eines 63jährigen Mannes. Gut erkennbar ist die hochgradige Stenose in der Windung der Gehirnarterie.

Nach Aufweitung und Einlage eines selbstexpandierenden Stents ist das
Gefäßlumen wieder gut darstellbar.
Fotos (2): Neuroradiologische Uniklinik Heidelberg

Etwa zehn Prozent der Schlaganfälle und transitorischen ischämischen Attacken (TIA) gehen auf intrakranielle Gefäßstenosen zurück. Das sei eine Tatsache, an die differentialdiagnostisch zu selten gedacht werde, so der Neuroradiologe.

Allerdings kommt das Stenting erst bei mehr als 50prozentiger symptomatischer Stenose und erfolgloser Therapie mit ASS und Clopidogrel in Frage. Außerdem müssen Emboliequellen in den Karotiden und im Herzen ausgeschlossen sein. Das neue Verfahren funktioniert folgendermaßen: Zunächst wird das betroffene Gefäß mit einem Ballon aufgeweitet. Über den Führungsdraht bringt man dann den Stent vor Ort, wo er sich selbst entfaltet.

In Heidelberg hofft man, daß die Therapie-bedingten Gefäßwandschäden mit dem neuen System minimiert werden können. Denn Einrisse der inneren Gefäßwand durch mechanische Belastung führen zur Intima-Hyperplasie. Vor allem in kleinen Gefäßen ist die Rezidivstenose dann programmiert. Die anatomischen Grenzen liegen demzufolge auch bei einem Gefäßdurchmesser von 2,5 mm und die Länge der Gefäßstenose darf 14 mm nicht überschreiten.

Eine Pilotstudie mit dem neuen Stentsystem läuft jetzt an

Mit ballonexpandierbaren Stents liege die Stenose-Rezidivrate in einem Jahr bei 30 Prozent, so Hartmann. Daran wird sich der neue Stent messen lassen müssen in der jetzt anlaufenden Pilotstudie mit 45 Patienten, an der außer der Uni Heidelberg weltweit 16 Zentren beteiligt sind.

Bislang ist das Stenting von Hirnarterien im Vergleich zum Koronarstenting eine eher selten praktizierte Therapieoption. So wurden an der Uni Heidelberg seit 1998 lediglich etwa 50 Patienten mit ballonexpandierbaren Stents behandelt.

Abteilung Neuroradiologie im Internet: www.med.uni-heidelberg.de/neuro/neurorad/home.shtml

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