Ärzte Zeitung, 15.09.2009

Ziel ist, dass der Tinnitus unwichtig wird

Den verständlichen Wunsch Betroffener, sie von einem chronischen Tinnitus zu befreien, kann die Medizin bislang leider meist nicht erfüllen. Es gibt jedoch effektive Strategien, um die quälenden Ohrgeräusche besser ignorieren und ertragen zu können.

Von Werner Stingl

MÜNCHEN. Versuche bei Tinnitus-Patienten haben es gezeigt: der objektiv nicht messbare Krach im Ohr kommt bei den Betroffenen eigentlich eher leise an, hat die HNO-Ärztin Christine Schneider von der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Arolsen bei einer Veranstaltung in München klargestellt. Lässt man nämlich Patienten ihren Tinnitus beschreiben und versucht das Zisch-, Rausch-, Brumm-, Klingel- oder Pfeifgeräusch im Akustiklabor nachzubilden, reicht es bei normalem Hörvermögen meist bereits in einer Schallintensität von 15 bis 20 Dezibel - das entspricht dem Ticken einer Armbanduhr oder einem leichten Blätterrascheln im Park - aus, um den Tinnitus komplett zu übertönen.

Subjektive Wahrnehmung ist ganz unterschiedlich

Subjektiv nehmen Patienten den objektiv gleich leisen Tinnitus aber sehr unterschiedlich war. Den Einen werden ihre endogenen Ohrgeräusche nur kurzzeitig bewusst, wenn sie sich gezielt darauf konzentrieren und sich deshalb auch kaum davon belästigt fühlen (kompensierter Tinnitus). Die Anderen empfinden eine stete alarmierende und stressende Lärmquelle im Ohr, die ihre Lebensqualität permanent und massiv beeinträchtigen (dekompensierter Tinnitus).

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Pfeifen, Rauschen, Knarren oder Brummen - die Lebensqualität von Tinnitus-Patienten ist oft stark eingeschränkt .

Foto:ddp.

Das entscheidende Therapieziel bei einem in der Regel kausal nicht zu behandelnden chronischen Tinnitus ist daher, den Wandel von der dekompensierten in die kompensierte Form zu schaffen. Dieses Ziel zu erreichen, wirken an ihrer Klinik HNO-Ärzte, Psychotherapeuten, Hörtherapeuten und Hörgeräteakustiker interdisziplinär zusammen, betonte auf der von der Schön Klinikgruppe unterstützten Veranstaltung Schneiders Teamkollegin Dr. Catri Tegtmeier, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Patienten müssen aus dem Teufelskreis einer immer belastenderen selektiven Fokussierung auf den Tinnitus befreit werden. Unterstützt durch Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und des Biofeedbacks werden sie befähigt, die endogenen Ohrgeräusche zu einem unwichtigen akustischen Signal unter vielen zu degradieren. Das gelingt um so leichter, je mehr angenehme objektive Höreindrücke ein Mensch erhält und an sich heran lässt. Um ihrer Fixierung auf den Tinnitus zu entkommen, kann es etwa schon helfen, die Patienten während eines therapeutischen Spaziergangs in freier Natur für unterschiedliche Umweltgeräusche zu sensibilisieren. Sie sollen weniger in sich und dafür wieder aufmerksamer in die Welt hinaus hören.

Voraussetzung sind oft zwei Hörgeräte

Dies setzt freilich voraus, dass die Patienten über ein möglichst gutes Hörvermögen verfügen. Sie müssen deshalb bei Bedarf konsequent mit einem hochwertigen, beidseitigen Hörgerät versorgt werden, so Schneider. Denn je schlechter ein Mensch hört, desto dominanter treten vom Hörvermögen unabhängige Tinnitusgeräusche ins Bewusstsein, die - wie verzweifelte Therapieversuche zeigten - sich selbst durch Kappung des Hörnervs nicht ausschalten lassen.

Stichwort: Chronischer Tinnitus

In Deutschland leben nach Untersuchungen der Deutschen Tinnitus-Liga etwa zehn Millionen Menschen mit einem chronischen Tinnitus. 15 Prozent von ihnen stehen unter einem erheblichen Leidensdruck. Jährlich erkranken 340 000 Patienten neu, wobei eine Häufung zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr auffällt. Von einem chronischen Tinnitus wird gesprochen, wenn die subjektiven Ohrgeräusche länger als drei Monate anhalten. Als Akutphase gelten die ersten ein bis sechs Wochen, die Subakutphase erstreckt sich bis zur 12 Woche. Von wenigen Ausnahmen mit fassbarer Ursache gibt es bislang keine evidenzbasierte medikamentöse oder operative Therapie. (wst)

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