Ärzte Zeitung online, 29.01.2016

Zika-Verunsicherung

"Virus frisst sich praktisch durch"

"Zika ist nicht Ebola", betont die Weltgesundheitsorganisation. Aber: Experten vermuten, dass die explosionsartige Ausbreitung des Virus in Lateinamerika für Fehlbildungen bei vielen Babys verantwortlich ist.

RIO DE JANEIRO. Männer in gelben Schutzanzügen versprühen im Sambódromo Chemikalien, damit hier in wenigen Tagen Hunderttausende moskitofrei Karneval feiern können.

Und Brasiliens Militär hat der heimtückischen Mücke namens Aedes aegypti sogar den Krieg erklärt, 220.000 Soldaten sollen ihr im ganzen Land den Garaus machen.

Das Zika-Virus hat sich dramatisch verbreitet - und könnte auch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro überschatten.

Wie viele Fälle gibt es bisher?

Die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, spricht von einer explosionsartigen Ausbreitung. Möglicherweise gibt es nach Angaben der WHO allein in Brasilien schon 1,5 Millionen Zika-Fälle.

Die Dunkelziffer ist sehr hoch, weil nur rund 20 Prozent eine Infektion überhaupt merken und die Diagnosemöglichkeiten in dem Land gerade in ländlichen Regionen unterentwickelt sind. Zudem ähnelt das Virus dem Dengue-Erreger, der von der gleichen Moskitoart übertragen wird.

In ganz Amerika kann es laut WHO ohne rasche Gegenmaßnahmen zu 3 bis 4 Millionen Ansteckungen kommen. Mehr als 20 Länder des Doppelkontinents sind bisher betroffen.

Droht eine Zika-Ausbreitung auch in Deutschland?

Nein. Denn hier gibt es die betreffende Moskitoart nicht. Bisher gibt es nur vereinzelte Fälle durch rückkehrende Touristen.

Allerdings halten Experten es für möglich, dass Zika auch durch ungeschützten Sex übertragen werden kann. "Es gibt derzeit keinerlei Anzeichen dafür, dass es zukünftig zu einer Übertragung von Zika-Viren über angesiedelte Moskitos in Deutschland kommen wird", betont der Leiter des Instituts für Virologie an der Uni Bonn, Christian Drosten.

Ist das Zika-Virus wirklich für Schädelfehlbildungen verantwortlich?

"Der Verdacht auf eine Fruchtschädigung bei Infektionen mit dem Virus während der Schwangerschaft liegt nahe", sagt der Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Jonas Schmidt-Chanasit.

Der Kopfumfang der Babys liege deutlich unter 32 Zentimetern. "Die Kinder sind häufig geistig behindert, weil das Gehirn unterentwickelt ist, oder sie versterben bereits vor der Geburt."

In Brasilien gibt es etwa 4180 Verdachtsfälle dieser sogenannten Mikrozephalie - aber: erst 268 sicher bestätigte Fälle. Bei sechs Frauen konnte nachgewiesen werden, dass sie sich zuvor mit Zika infiziert hatten.

Dabei fällt die Mikrozephalie scheinbar so stark aus, dass die Babys kaum Überlebenschancen haben. 68 Babys starben seit Beginn der systematischen Erfassung am 22. Oktober 2015.

Was ist der beste Schutz?

Relativ sicher ist man ab einer Höhe von 2200 Metern, darüber kommt die Moskitoart Aedes aegypti in der Regel nicht vor.

Schwangere sollten bei den an sich harmlosen Symptomen wie leichtes Fieber, Hautrötungen und Kopfschmerzen einen Arzt aufsuchen. Für Touristen gilt: lange Kleidung, mit Moskito-Spray einsprühen und in Hotels die Fenster geschlossen halten.

Aber: Die Moskitoart ist tagaktiv, was den Zika-Kampf so schwierig macht. Wie hilflos einzelne Regierungen sind, zeigt der Rat, Frauen sollten Schwangerschaften lieber erstmal verschieben - in El Salvador wird sogar geraten, bis 2018 zu warten.

Warum gibt es diese rasante Ausbreitung in Lateinamerika?

Weil es hier den idealen Nährboden gibt. Ein großer Kontinent, viel Reiseverkehr, eine stark verbreitete, das Zika-Virus übertragende Moskitoart, die sich im südamerikanischen Sommer rasch vermehrt - und ungeschützte Menschen.

Es gibt bisher keinen Impfstoff gegen Zika. "Das Virus frisst sich praktisch durch", sagt Dennis Tappe, ebenfalls Virologe am BNITM. "Die Moskitos nutzen jede Wasserfläche, um ihre Eier abzulegen", analysiert Tappe. "Wenn die menschliche Mobilität nicht so hoch wäre, wäre auch die Verbreitung geringer."

In einem Inselstaat wie Singapur, wo es vor einigen Jahren viele Malaria- und Denguefälle gab, sei eine Epidemie-Eindämmung weitaus leichter.

Wie ist Zika nach Lateinamerika gekommen?

Das Virus ist 1947 erstmals bei einem Affen aus dem Zikawald Ugandas in Afrika festgestellt worden. Es tauchte anschließend vereinzelt auch in Asien auf und dann stärker ab 2013 in Französisch-Polynesien.

Hier infizierten sich bis zu zehn Prozent der Bevölkerung - aber es war eben ein isolierter Inselstaat. Es haben sich zwei Zika-Genotypen herausgebildet - der afrikanische und der asiatische. Der asiatische tauchte dann plötzlich im Frühjahr 2015 in Brasilien auf.

"Es muss ihn jemand aus Asien oder Ozeanien eingeschleppt haben und dann in Brasilien erkrankt sein", glaubt Tappe. Durch Moskitos, die die Person gestochen haben, kann er dann weiterverbreitet worden sein.

Ist die Fußball-WM 2014 in Brasilien der Auslöser?

Gúbio Soares vom biologischen Institut der Universität Bahia in Salvador vertritt diese These, die viel zitiert wurde.

Besucher der Fußball-WM hätten das Zika-Virus damals in das Land eingeschleppt. "Das ist völlig spekulativ", meint dagegen der Virologe Tappe.

Was wird nun zur Bekämpfung getan?

Das Kernproblem ist Brasilien. Staatspräsidentin Dilma Rouseff ist schwer unter Druck, eine tiefe Wirtschaftskrise setzt ihr zu, sie hat nur noch zehn Prozent Zustimmung. Sie lässt alle Kräfte bündeln. Zehntausende Soldaten sollen die Mücken mit Chemikalien bekämpfen.

Am 13. Februar sollen drei Millionen Häuser von 220 000 Soldaten besucht und moskitofrei gemacht werden. Fokus des Einsatzes ist der am stärksten betroffene Nordosten des Landes. Insgesamt soll der Einsatz in 356 Städten und Gemeinden stattfinden.

Für die Bekämpfung der Mücke wurden die Mittel auf 1,87 Milliarden Real (422 Mio. Euro) erhöht. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn ohne eine Eindämmung könnten viele Touristen von einem Besuch der Olympischen Spiele absehen, die am 5. August beginnen. Aber: Dann ist Winter und die Gefahr durch Moskitos viel geringer.

Was passiert, wenn die WHO den globalen Notstand ausruft?

Das wird diskutiert, zuletzt war dies wegen der Ebola-Epidemie in Westafrika der Fall. Dann würden für die betroffenen Länder die Warn- und Vorsichtsmaßnahmen deutlich verschärft, womöglich müssten Flugreisende sich auf verschärfte Gesundheitskontrollen einstellen.

Die WHO will in jedem Fall zügig Forschungsanstrengungen verstärken. Denn der Ausbruch in Französisch-Polynesien, auch hier war es der asiatische Zika-Genotyp, ging auch einher mit einem Anstieg des Guillain-Barré-Syndroms, das mit Lähmungserscheinungen verbunden ist und auch Männer betrifft.

Vorrangig müssen nun vor allem die Moskitos eliminiert werden. Trotz der wohl gerade für Schwangere gefährlichen Epidemie warnt der Leiter der WHO-Abteilung für Viruskrankheiten, Marcos Espinal, aber vor globaler Panikmache: "Zika ist nicht Ebola". (dpa)

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