Ärzte Zeitung, 05.09.2014

MRSA

Keimschleuder Haustier

Menschen teilen mit ihren Haustieren nicht nur Freud und Leid, sondern auch multiresistente Staphylokokken. Das hat Konsequenzen für die Antibiotika-Therapie.

Von Thomas Müller

Keimschleuder Haustier

Neue Studienergebnisse sprechen für einen regen Austausch von MRSA zwischen Mensch und Tier.

© Budimir Jevtic / fotolia.com

CAMBRIDGE. Staphylokokken sind offenbar nicht besonders wählerisch, was ihre Wirte angeht: Ob Hund, Katze, Vogel oder Mensch - egal, Hauptsache, das Blut ist warm.

Und wenn der Mensch mit allerlei Antibiotika versucht, die lästigen Keime loszuwerden, bleibt diesen oft noch die Flucht ins Haustier. Von dort können sie natürlich eines Tages wieder zurückkommen.

So ähnlich muss man sich nach aktuellen Daten wohl den Austausch von S. aureus zwischen Mensch und Tier vorstellen. Und dieser Austausch ist alles andere als harmlos, wenn es sich um die Methicillin-resistenten Formen (MRSA) der kugelförmigen Bakterien handelt.

MRSA von Hund und Katze

Genau solche Formen haben Tierärzte, Humanmediziner und Genetiker jetzt genauer unter die Lupe genommen (mBio 2014; online 13. Mai).

Das Team um Ewan Harrison von der Universität in Cambridge analysierte dazu das Genom von MRSA aus Haustieren. Sie konzentrierten sich dabei auf den in Großbritannien bei Mensch und Tier zirkulierenden epidemischen Stamm Nr. 15 (EMRSA 15).

Dieser lässt sich in Großbritannien bei etwa 1-2 Prozent aller Hunde und Katzen nachweisen. Unklar war jedoch, ob es im Mensch- und Tierreich getrennte Populationen gibt.

Dies wäre der Fall, wenn der Erreger irgendwann vom Menschen aufs Haustier übergesprungen ist und sich dann unabhängig vom Menschen in der neuen Spezies weiterverbreitet.

Dann würden sich rasch genetische Unterschiede zwischen den jeweiligen Populationen nachweisen lassen, und die Gefahr wäre relativ gering, sich bei seinen Haustieren anzustecken.

Gibt es dagegen einen permanenten Erregeraustausch zwischen Mensch und Haustier, müssten sich genetisch weitgehend identische Erreger in beiden Spezies nachweisen lassen.

Und dann wäre die Gefahr natürlich sehr groß, sich bei einem Haustier mit MRSA zu infizieren. Genau darauf deuten nun die Untersuchungen der Forscher um Harrison.

Die Wissenschaftler haben insgesamt 42 Proben von Hunden und vier von Katzen analysiert, bei denen zuvor eine MRSA-Infektion nachgewiesen worden war. Die Proben stammten aus sehr unterschiedlichen Geweben: Haut, Weichteilen, Wunden, Liquor, Gelenken, Herzklappen, Blut und Urin.

Nachdem das Genom der Erreger sequenziert worden war, verglichen es die Forscher mit dem bekannten Stammbaum von EMRSA 15 bei Menschen. Dieser war aus hunderten Proben aus verschiedenen Ländern erstellt worden.

Antibiotikaeinsatz bei Tieren riskant

Im zuerst genannten Szenario - einer getrennten Ausbreitung von MRSA unter Haustieren - hätten die MRSA-Proben bei einer Spezies stärker miteinander verwandt sein müssen als mit MRSA einer anderen Spezies. Es hätte also einen oder mehrere Hunde-MRSA-Stammbäume geben müssen.

Dies war aber nicht der Fall. Stattdessen waren die Hunde-MRSA einer Tierklinik näher mit einer menschlichen MRSA-Probe verwandt als mit den Hunde-MRSA aus anderen Kliniken.

Wenig überraschend waren die nächsten Verwandten von MRSA aus britischen Hunden in der Regel MRSA aus britischen Menschen, die in derselben Region wie die Hunde lebten. Die Stammbaumanalyse deutet darauf, dass sich die Hunde bei solchen Menschen infiziert hatten.

Für einen regen und permanenten Austausch von MRSA zwischen Mensch und Tier spricht auch, dass sich keine wirtsspezifischen Resistenzfaktoren oder genetischen Veränderungen aufspüren ließen: Alle Genvarianten von menschlichen MRSA wurden auch bei Tierproben gefunden und umgekehrt - die Erreger zeigten also keine speziellen Anpassungen an ihren Wirt, unterschiedlich war lediglich die Häufigkeit von bestimmten Resistenzgenen.

Diese Differenz lässt sich wohl am ehesten mit einem anderen Antibiotikaspektrum in der Tier- und Humanmedizin erklären.

Ausbreitung in Kliniken ähnlich

Ein weiteres interessantes Ergebnis: MRSA unterschiedlicher Tiere aus einer bestimmten Tierklinik waren alle direkt miteinander verwandt, was darauf deutet, dass die Ausbreitungsmechanismen in solchen Kliniken ähnlich sind wie in den Krankenhäusern des Homo sapiens.

Welche Bedeutung haben nun die Erkenntnisse? Wenn MRSA oder andere Keime mühelos zwischen Säugetieren hin- und herpendeln, bilden Haustiere ein Reservoir für multiresistente Keime.

Umgekehrt besteht die Gefahr, dass ein maßloser Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin und der Tiermast multiresistente Keime heranzüchtet, die dann auch für Menschen gefährlich werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kommentar zu Haustieren: Strikt getrennte Antibiose

[08.09.2014, 16:02:59]
Dr. Horst Grünwoldt 
Bakerio-Phobie
Die Mikrobiologen und "Seuchen"-Bekämpfer haben sich augenscheinlich das ihnen fremde Reich der Tiere als Ersatzquelle aller Infektionen auserwählt. In dem lassen sich bekanntlich noch viele bisher unbekannte, nicht klassifizierte Mikroben entdecken, die nur ausnahmsweise opportunistisch-pathogene Eigenschaften haben.
Dabei hat meine Vorrednerin Rita M-B. völlig recht, daß so gut wie jede Species von eigenen Bakterienstämmen besiedelt wird. Diese haben sich gewissermaßen symbiotisch auf denen seit längerem etabliert und können nicht auf uns Menschen "überspringen" oder von denen "ausbrechen"!
Lediglich einige, wenige Zooonose-Erreger sind schon lange auch auf uns Zweibeiner angepaßt, so daß sie eine Infektionsgefahr unter bestimmten Bedingungen -wie Verzehr oder Wundinfektion- darstellen können.
Das sind bekanntlich u.a. einige Salmonella spp., Mykobakterien, bestimmte Parasiten oder das Tollwutvirus.
Ansonsten stellt das Tierreich bis heute, abgesehen von AIDS- und Ebola-Phantasmen, keine wesentliche Infektionsquelle für uns Menschen dar, solange nicht ein intimer unhygienischer Dauerkontakt zwischen dem homo und der "Bestie" hergestellt wird.
Vielmehr tut uns die Begegnung und Erfahrung mit den unschuldigen Wesen anderer Art in der Regel nur gut!
Was den Gebrauch von segensreichen Antibiotika anbelangt, sollte der -wie in der Veterinärmedizin meist üblich- notgedrungen nur systemisch, sprich parenteral und selektiv per Injektion erfolgen. Dann ist die Gefahr der sog. Resistenzbildung sehr gering.
Die ist aber immer dann gegeben, wenn ein Antibiotikum lokal angewandt wird, statt schlicht desinfizierende Mittel in der Wundbehandlung einzusetzen.
Aber auch die orale Anwendung von Antibiotika in der Humanmedizin sollte äußerst restriktiv stattfinden. Schließlich führen bei Magen-Darm-Verstimmungen probiotische, adstringierende oder diätetische Mittel, oder sogar die probate Carbo medicinalis zur raschen Selbstheilung. In den E-Ländern der Welt wird durch die WHO im übrigen eine schlichte Salz-Zucker-Lösung zur Therapie von choleraähnlichen Diarrhoen empfohlen und wirksam eingesetzt.
Die einst in der Nutztierhaltung angewendeten "Fütterungs-Arzneimittel", darunter auch bestimmte Antibiotika als vermeintliche Masthilfe oder als Ansteckungs-Prophylaxe, sind schon seit vielen Jahren obsolet und gesetzlich verboten.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt,Rostock  zum Beitrag »
[05.09.2014, 16:16:20]
Rita Marusic-Bubenhofer 
Keimschleuder Mensch
es gibt Untersuchungen die klar zeigen, dass Mensch und Tiere nicht die gleichen Stämme von pathologischen Keimen tragen. die Uerbertragung der Resistenz bei Heimtieren läuft umgekehrt, Mensch- Heimtier- Mensch.

Trotzdem muss im Stall und Heim mehr Antibiotikafrei therapiert werden.
Alternative Phytotherapeutika:
http://www.smgp.ch/smgp/archiv/jahrestagungenf/jahrestagung2012.html
abstract Johanna Fink-Gremmel zum Beitrag »

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