Mehrere Leser haben an den Autoren des Standpunkts „Schweinegrippe-Impfung – verbranntes Geld?“ geschrieben. Diese Leserzuschriften dokumentieren wir hier, zusammen mit kurzen Anmerkungen des Standpunktautoren.
Dr. Thomas G. Schätzler schreibt:
Bei der H1N1-Influenza sind alle Zeichen einer Staatspanik und -hysterie zu erkennen (wie bei SARS schon einmal durchgeprobt).
Durch Infektionen übertragbare, schwere Erkrankungen lassen sich ohne Grundlagenforschung in Epidemiologie, Infektiologie, Immunologie und Sozialwissenschaften nicht adäquat diagnostizieren, limitieren und therapieren.
Das größte Manko bei H1N1 ist das Fehlen von Antikörpertestungen zur Kontrolle von vorhandener Basisimmunität (Schutz Älterer durch die Influenza 1972) und protektiver Impfimmunität. Es ist einfach niederschmetternd, dass die Pilotstudie mit ca. 2.000 Freiwilligen an der Frankfurter Uni-Klinik plan-, konzeptionslos und frei von jeglicher wissenschaftlichen Hypothesenbildung im Sande verlaufen ist, da sie bis heute mangels Aussagekraft nicht mal ansatzweise publiziert wurde. Dass der (ehemalige) Chef des Paul-Ehrlich-Instituts in einer Fernsehsendung erstmal empfahl, man möge zur Prävention statt Mundschutz tragen eher "in den Ärmel husten", gehört zur professoralen Skurrilität. Aber wenn die Impfstoffhersteller bei einem Impfstoff gegen H1N1, wo man den Impferfolg immunologisch durch Antikörpertests gar nicht messen kann, erst 2 und dann 1 Impfung empfohlen haben, hilft das laute Pfeifen im Wald vielleicht auch gegen die "Pandemiepanik"!
Anbei noch eine Glosse, verpackt in ein Requiem.
Requiem** für die Schweinegrippe
Bedauerlicherweise hat sich auch in Expertenkreisen immer noch nicht der korrekte Umgang mit der Schweinegrippe/Neue Influenza/H1N1 herumgesprochen. Ziel einer jeden Pandemie-bekämpfung ist es, eine optimale Antikörperbildung in der Bevölkerung möglichst schnell zu induzieren.
Die nationale Impfkampagne hatte uns den wichtigen Effekt der Diversifizierung aufgezeigt: Durch den Einsatz möglichst vieler verschiedener Impfstoffe bzw. Adjuvanzien und die Ent-wicklung ständig wechselnder Hauptzielgruppen bzw. Impfstrategien wurde in der Bevölke- rung ein gesunder Wettbewerb geweckt, in kürzester Zeit den richtigen Impfstoff zu ergattern. Da Impfleistungen sich wieder lohnen sollten, war es völlig unnötig, einen allgemein zugäng-lichen Antikörpertest zur Kontrolle von Impferfolg und Immunität zu entwickeln. Dies hätte die pharmazeutische Industrie lästig behindert und internationale Absatzmärkte einbrechen lassen.
Schwangere und Babys mit ihren besorgten Eltern wurden besonders besänftigt, da der für sie mögliche adjuvans-freie Impfstoff zunächst ausschließlich Bundespolitikern, -Beamten und dem Militär zur Verfügung gestellt wurde. Letztere bedauernswerte Bevölkerungsgruppe war seit dem Ende des Kalten Krieges z. T. stark dezimiert, so dass ihr Fortpflanzungs- und Überlebenswunsch nicht nur unterstützt, sondern geradezu verfassungsrechtlich geboten erschien. Auch die ökologische Komponente durfte nicht vergessen werden. Der Impfstoff konnte in Berlin zentral gelagert und verspritzt werden, ohne lange Transportwege mit Diesel–Transportern ohne FAP-Filter. Die bei der Impfstoffherstellung anfallende CO2 Menge wurde so kyotoweise reduziert. Die Kühlkette für den Baxter-Impfstoff wurde nicht unterbrochen, da die Verantwortlichen bei dieser Pandemie einen kühlen Kopf behielten.
Jetzt soll allerdings nicht nur über verschiedene Impfstoffe, Adjuvanzien, Impfkampagnen und Zielgruppenverwirrungen bei der Priorisierung von Pandemieabwehrmaßnahmen lamentiert werden. Wo bleibst schließlich das Positive? In Deutschland gibt es, unterstützt durch die Behörden, eine jahrhundertelange Tradition, mit der wir mit Pest, Pocken, Cholera, Typhus, TBC, Polio und saisonaler Influenza fertig geworden sind.
Pünktlich zur Adventszeit begannen in der Hochzeit der H1N1-Pandemie die originellen Weihnachtsmärkte mit kleinen Holzbuden und Riesentannen. Die Menschen standen zusammen und trotzten der Pandemie mit Glühwein trinken aus so flott gespülten Bechern, dass der Lippenstift der Vorgängerin noch erkennbar blieb. Wie positiv, wenn vorher distanziert gehemmte Leute miteinander Brüderschaft tranken. Da teilte man solidarisch die Last der H1N1-Pandemie. Aber auch Enteroviren machten die Runde und Campylobacter bzw. Yersinien feierten mit. Meningokokken trafen sich verschämt mit betahämolysierenden Streptokokken. Massenweise Kolibakterien fanden ihr persönliches stilles Örtchen, die bei solchen Events immer am falschen Platz und in zu geringer Anzahl stehen (Prinz Ernst August von Hannover läßt grüßen). Damit leisteten Wir, das Volk, einen entscheidenden Beitrag zur Abhärtung, zur schnelleren Umsetzung der Pandemiepläne und zur Arbeits-platzsicherung von Ärztinnen und Ärzten in diesem unserem Lande.
Davor wurde die Bevölkerung behördlich gefordert, in dem vor der Adventszeit noch Erntedankfeste, Herbst- und Handwerkermärkte stattfanden. Das Münchner Oktoberfest im September letzten Jahres und die Cranger Kirmes des Ruhrgebiets vom August 2009 wurden gut angenommen. Die Abstände zwischen den Ständen sollten mit aufgeklapptem Vordach unter Notarzt- und Rettungswagenbreite liegen, um das historische Verständnis für die Breite von alten Leiterwagen in der bäuerlichen Kulturlandschaft zu wecken. Die Übertragungswege für Erreger aller Art sollten keine großen Lücken zeigen und bei Hochbetrieb nicht den Ein-druck gähnender Leere entstehen lassen.
Zum Schluss darf der Beitrag der Kinder nicht vergessen werden. In den ersten Lebensmo-naten sind ein Schnullertausch und das Nuckeln an vielen Gegenständen sinnvoll. So wird Immunkompetenz erworben und Atopien bzw. Asthma bronchiale vorgebeugt. In Kinder-gärten wird dies weitergeführt, wenn fiebernde, mit symptomatischen Medikamenten bzw. Antibiotika versorgte Kinder den Kontakt zu ihrer Bezugsgruppe nicht verlieren. In Pande-miezeiten ist der Schwimmunterricht in den Schulen extrem wichtig. Kinder, die eine Pande-mie überstanden haben, sollen doch nicht später durch Ertrinken zu Schaden kommen. Das gemeinsame Duschen fördert über Aerosole ausgetauschte Immunisierungen. Die aggressive Fußdesinfektion öffnet ungeahnte Hautspalten für das Eindringen von Mikroorganismen. Das Schwimmen im chlorierten Hallenbadwasser gewährt dann Abkühlung bei körperlicher Ver-ausgabung. Beim abschließenden Haare föhnen können selbst die armseligsten Viren aufge-päppelt und zu voller Infektiosität reanimiert werden, um bei der Busheimfahrt neue Wirte zu finden. Im späteren Leben der Jugendlichen finden sich in Schulaulen, bei Sportfesten, in Diskos, Konzerten, überfüllten Hörsälen und stickigen Ausbildungszentren noch genügend weitere Gelegenheiten, in das Pandemiegeschehen positiv einzugreifen.
So findet sich traditionelles Brauchtum, überlieferte Verhaltensweisen, wissenschaftliche Analysen, Forschung, Diagnostik, Therapie und Prävention vereint, so wächst zusammen, was zusammengehört.
** Ganz im Ernst: Den an der H1N1-Influenza verstorbenen Menschen mit allem Respekt gewidmet.
Hierzu Michael Hubert, Redakteur der „Ärzte Zeitung“:
Zum Thema Antikörpertestungen: Die Frage "warum so wenig Senioren" finde ich hoch spannend. Erste Erklärungsansätze haben die CDC schon im Juni geliefert: a) weniger soziale Kontakte und eingeschränkte Mobilität könnten die "Chance zur Ansteckung" mindern, b) es ist eine Rest-/Kreuzimmunität vorhanden. Zu Punkt b) gab es eine kleine (US-) Studie mit eingelagerten Seren. Wenn ich mich recht erinnere lag der Anteil von Proben mit kreuzreagierenden Antikörpern bei über 65-Jährigen bei nur 7%. Hier erwarte ich in den kommenden Monaten weitere Studiendaten, hoffentlich auch aus Deutschland. Mal sehen, wie hoch der Anteil kreuzreagierender Seren dann wirklich ist.
zum Beitrag »