Ärzte Zeitung, 23.07.2004

IM GESPRÄCH

Warum der Geist eines Kranken zählt — und sich nicht überlisten läßt

Von Nicola Siegmund-Schultze

Die Medizin der Zukunft sollte das seelische Gleichgewicht der Menschen mehr als bisher in den Mittelpunkt rücken: um Krankheiten vorzubeugen und um bei schon vorhandenen körperlichen Leiden besser behandeln zu können. So verbessert bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs eine gelungene Streßverarbeitung nicht nur die Lebensqualität. Sie könnte auch den Verlauf der Krankheit beeinflußen und das Leben verlängern. Eine gute seelische Begleitung durch den Arzt wird nicht mehr nur menschlich begründet. Ihre Bedeutung wird von der Forschung mit immer mehr biologischen Fakten unterfüttert.

Das ist beim Kongreß "Medizin im Dritten Jahrtausend" in Heidelberg deutlich geworden, den die Hubert-Burda-Stiftung und das Land Baden-Württemberg ausgerichtet haben. Erkenntnisgewinne aus der Psychoneuroimmunoendokrinologie, ein Fachgebiet, das sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts etabliert hat, sind von wachsender praktischer Relevanz.

Emotionen helfen, das Immunsystem zu stärken

      Die Psychoneuro- immunologie
wird klinisch immer bedeutsamer.
   

Gesundheit beginnt im Kopf. Denn dort entstehen die Emotionen, die notwendig sind, um uns dauerhaft zu gesundheitsbewußtem Verhalten zu motivieren und um das Immunsystem zu stärken, wie Professor Antonio R. Damasio, Leiter der Abteilung Neurologie der Universität von Iowa in Iowa City sagte. Wenn es gelinge, das Belohnungssystem im Gehirn durch gesunden Lebensstil zu aktivieren, sei über neuroendokrinologische Rückkopplungen eine entscheidende Basis für ein Leben mit gesunder Ernährung, ausreichend Bewegung und ohne Süchte gelegt.

Der Geist hilft, aber seine Kraft ist nicht grenzenlos. Und er läßt sich nicht überlisten. Professor David Spiegel von der Stanford University School of Medicine in Palo Alto versuchte, gedanklichen Kurzschlüssen entgegenzuwirken, die populistische Interpretationen wissenschaftlicher Studien immer wieder produzieren. Eine der aufsehenerregendsten, prospektiven, randomisierten Untersuchungen hierzu stammt von ihm selbst: Frauen mit fortgeschrittenem Mammakarzinom lebten im Durchschnitt 18 Monate länger, wenn sie zusätzlich zur bestmöglichen medizinischen Versorgung eine Gruppen-Psychotherapie machten.

Von neun weiteren klinischen Studien, die einen lebensverlängernden Effekt psychotherapeutischer Behandlungen von Krebspatienten nachweisen sollten, brachten aber nur vier ein positives Ergebnis. "Es steht also fünf zu fünf", sagte Spiegel.

Auseinandersetzung mit der Krankheit hebt Lebensqualität

Mögliche Gründe dafür erläuterte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung": "Es könnte sein, daß nur bestimmte Gruppen von einer Psychotherapie profitieren, etwa solche mit hormonabhängigen Tumoren oder mit sehr schlechten Bewältigungsstrategien und den höchsten Depressions- und Ängstlichkeitswerten." Auch habe es in drei der fünf Studien mit negativem Ergebnis höchstens kurz anhaltende positive Effekte der Psychotherapien auf die seelische Befindlichkeit gegeben.

Und schließlich ließen sich Unterschiede im Überleben Krebskranker durch Psychotherapie um so schwerer nachweisen, je besser die medizinische Versorgung der Patienten werde. "Soviel wir heute wissen, siegt der Geist eines Patienten nicht über seinen Körper, indem er ihn von Krebs heilt. Menschen in schlechter seelischer Verfassung sind deshalb auch nicht schuld an ihrer Krankheit. Und trotzdem gibt es viele Hinweise: Der Geist zählt."

Das A und O einer gelungenen Krankheitsbewältigung sei, sich realistisch auseinanderzusetzen mit allen Krankheitsverläufen, die möglich seien, auch mit dem Tod. "Diese Auseinandersetzung hat positive Wirkungen auf die Lebensqualität, nicht negative, wie früher angenommen", sagte Spiegel. Es liefen weitere Studien zum Effekt der Psyche auf den Verlauf von Malignomen.

Was auch immer herauskommen wird: Positiv zu denken ohne aktive, teils schmerzliche Auseinandersetzung mit der Krankheit reicht nicht. Dr. Penny Schofield vom Peter MacCallum Cancer Center in Melbourne hat 204 Patienten mit Lungenkrebs regelmäßig nach ihrer Einstellung zum Leben befragt und ihr Schicksal zehn Jahre lang verfolgt (New Scientist 2215, 2003, 19). Die Optimisten lebten nicht länger als jene, die ihre Zukunft weniger positiv sahen.

Ein enttäuschendes Ergebnis? "Nicht unbedingt", kommentierte Schofield damals ihre Studie. "Optimismus ist eine wunderbare Eigenschaft. Aber ich rate keinem Menschen mit einer lebensbedrohlichen Diagnose: Denken Sie positiv! Man verbaut sich die Möglichkeit, offen mit Betroffenen zu sprechen, die aus nachvollziehbaren Gründen Ängste oder Depressionen haben."

FAZIT

Immer mehr biologische Fakten bestätigen die große Bedeutung einer guten seelischen Begleitung von Patienten, etwa mit Krebs. Das A und O einer gelungenen Krankheitsbewältigung ist, Patienten dahin zu führen, daß sie in der Lage sind, sich realistisch mit allen Krankheitsverläufen, die möglich sind - auch mit dem Tod - auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung hat positive Wirkungen auf die Lebensqualität. Positiv zu denken ohne aktive, manchmal auch schmerzliche Auseinandersetzung mit der Krankheit reicht nicht.

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