Ärzte Zeitung, 26.07.2005

Die einwöchigen Reiterferien wirken wie eine Langzeittherapie

Der Aachener Arzneimittel-Hersteller Grünenthal ermöglicht krebskranken Kindern auf einem Reiterhof in Hessen "Urlaub vom Schmerz"

Jeweils zwei Kinder teilen sich ein Pferd und wechseln sich beim Reiten ab. Die kleinen Patienten können es kaum abwarten, endlich wieder auf den Reitplatz zu kommen. Fotos: pid

Von Heidi Niemann

Marvin sitzt fröhlich am Pferdebrunnen und gibt merkwürdige Wörter von sich. Die anderen Kinder haben allerdings keine Mühe, ihn zu verstehen. Auch sie sprechen inzwischen fließend "löfflisch". Die "Löffelsprache" ist ihr diesjähriger "Sommerhit".

Wer die Geheimsprache der Kinder bis dahin noch nicht beherrscht hat, lernt sie auf der mehrstündigen Busfahrt zum Reiterhof Hirschberg im nordhessischen Großalmerode. Hier machen die 18 Kinder eine Woche lang "Urlaub vom Schmerz".

Loslassen - das bedeutet für die krebskranken Kinder auch, ihr Leid und ihre Schmerzen zu vergessen.

Die meisten von ihnen sind Patienten der onkologischen Universitätskliniken in Köln und Bonn. Einige haben auch ihre Geschwister dabei. Eine Woche lang können die fünf bis 13 Jahre alten Kinder die anstrengenden Krankenhausaufenthalte und Therapien vergessen, denen sie sich wegen einer Leukämie-Erkrankung oder wegen eines Hirntumors unterziehen mußten. Eine Woche lang dreht sich bei ihnen jetzt alles nur noch um Pferde und ums Reiten.

Selbst schüchterne Kinder legen ihre Angst rasch ab und erleben im Kontakt zu den Pferden eine willkommene Abwechslung zu ihrem oft bedrückenden Alltag in der Klinik.

Eine Betreuerin des Reiterhofs Großalmerode führt zwei kleine Patienten nebst Pony über den Platz.

Trotz ihres Rollstuhls übernimmt Christine das Auskratzen der Hufe selbst.

Daß sie diese unbeschwerten Ferien auf dem Reiterhof verbringen können, haben sie dem Aachener Arzneimittel-Hersteller Grünenthal GmbH zu verdanken. Seit zwölf Jahren finanziert das Unternehmen jeden Sommer eine solche Reiterfreizeit für krebskranke Kinder. Für die Kinder sei das stets ein unvergeßliches Erlebnis, sagt die Erzieherin Andrea Tepe.

Auch Marvin ist von dem Aufenthalt auf dem Reiterhof begeistert. Er drückt das natürlich in der Löffelsprache aus: "Reileiweitellewen illewist schölöwön." Auf Erwachsenen-deutsch heißt das "Reiten ist schön", aber das klingt natürlich viel langweiliger.

Das sechsköpfige Betreuerteam aus Erziehern, Sozialarbeitern und Krankenschwestern hat aber ohnehin längst den "Geheimcode" der Kinder geknackt und kann sich inzwischen auch auf "löfflisch" mit ihnen verständigen.

Doch Löffelsprache hin oder her - sobald morgens nach dem Frühstück die Pferde aus ihren Ställen herausgeführt werden, vergessen die Kinder den ganzen Ulk. Jetzt sind sie ernsthaft und konzentriert bei der Sache. Wer bekommt heute welches Pferd? Das ist jeden Tag aufs Neue eine spannende Frage.

Nachdem alle Pferde verteilt sind, machen sich die Kinder mit Feuereifer an die Arbeit, um die Tiere für die Reitstunde zu präparieren. Angst vor den Tieren hat niemand von ihnen, im Gegenteil. Manche striegeln ihr Pferd so lange und so sorgfältig, als wollten sie mit ihm einen Schönheitswettbewerb gewinnen.

Auch Christine hält es nicht mehr im Rollstuhl. Sie stellt sich aufrecht, stützt sich ein wenig an dem Pferd ab und striegelt ihm immer wieder das Fell. Auch das Auskratzen der Hufe läßt sie sich nicht nehmen.

Beim Satteln und Aufzäumen der Pferde müssen die Betreuer ein wenig mithelfen. Sobald alle Kinder ihre Reithelme aufgesetzt haben, geht es los. Voller Vorfreude führen sie die Tiere zum Reitplatz. Je zwei von ihnen teilen sich ein Pferd, so daß sie sich beim Reiten abwechseln können.

Als die ersten von ihnen im Sattel sind, kann man sofort an ihren Gesichtern ablesen, daß dies die beste Therapie für sie ist: Völlig entspannt und strahlend sitzen sie auf den Pferderücken und genießen die leicht schaukelnden Bewegungen. Als die Reitlehrerin das Kommando zum Traben gibt, ist Alexander nicht mehr zu halten: "Juhu!", jubelt er laut, als das Pferd ihn schneller durch die Reitbahn trägt.

Sozialarbeiter Matthias Vogt ist bereits seit Jahren bei der Reiterfreizeit dabei, doch diese Verwandlung der Kinder fasziniert ihn immer wieder. "Wenn man diese strahlenden Gesichter und diese Freude in den Augen sieht, dann weiß man auch, warum man die Arbeit auf der Station in der Klinik macht."

Deshalb sei das Engagement der Firma Grünenthal auch gar nicht hoch genug einzuschätzen: "Daß eine Firma seit so vielen Jahren diese Freizeiten für die krebskranken Kinder finanziert, ist gerade in der heutigen Zeit wirklich bemerkenswert."

Ein Mädchen ist mitgekommen, obwohl es bereits nach drei Tagen wieder abreisen muß. Wegen einer nicht aufschiebbaren Computertomographie muß sie nach Hause zurück. "Sie wollte aber unbedingt auch für die wenigen Tage mit dabei sein", erzählt Erzieherin Andrea Tepe.

Kein Wunder, bei so vielen spannenden Aktivitäten: Außer der täglichen Reitstunde am Vormittag gibt es nachmittags auch noch einen Ausritt durch die reizvolle Hügellandschaft, meistens verbunden mit einem Picknick. Außerdem stehen Basteln, Lagerfeuer, Sing- und Spielabende auf dem Programm.

Die Woche vergeht wie im Flug, oder besser gesagt wie im Galopp. Doch die Wirkung dieser einen Woche voller schöner Erlebnisse und Eindrücke, so weiß Andrea Tepe, reicht weit über den Aufenthalt hinaus. So gesehen sind die einwöchigen Reiterferien auch eine Langzeittherapie.

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