Ärzte Zeitung, 04.12.2015

Strahlenbelastung

Krebsrisiko im Kernkraftwerk erhöht

Angestellte in Kernkraftwerken, der Kernwaffenproduktion oder der Atommüllindustrie haben offenbar ein erhöhtes Krebsrisiko. Dies macht sich jedoch erst bei einer recht hohen Gesamtstrahlenbelastung bemerkbar.

Von Thomas Müller

Krebsrisiko im Kernkraftwerk erhöht

Die Zunahme des Krebsrisikos bei Arbeitern der Nuklearindustrie ist zwar marginal, aber immerhin recht robust.

© Heike W./ panthermedia.net

CHAPEL HILL. In Industrieländern stirbt etwa jeder vierte Mensch an einem Tumor - das Lebenszeitrisiko für den Krebstod liegt also bei 25 Prozent.

Bei Beschäftigten in der Nuklearindustrie scheint dieses Risiko im Schnitt um 0,1 Prozentpunkte höher zu liegen.

Der Unterschied ist zwar minimal, aber immerhin statistisch nachweisbar, wie Epidemiologen um Dr. David Richardson von der Universität in Chapel Hill darlegen.

Zudem scheint nach ihren Daten das Risiko, an einem Tumor zu sterben, mit der Dosis linear zu steigen.

Daten von 308.000 Beschäftigten

Zu ihren Schlussfolgerungen kommen die Epidemiologen aufgrund einer Auswertung der International Nuclear Workers Study (INWORKS), an der sich 15 Staaten beteiligen. Die Forscher konzentrierten sich jedoch nur auf Beschäftigte aus den USA, Frankreich und Großbritannien, da diese die größte und älteste Kohorte von INWORKS stellen.

Aus diesen drei Ländern liegen Dosimeterdaten zu rund 308.000 Beschäftigten vor. Im Schnitt waren diese INWORKS-Teilnehmer zwölf Jahre in der Nuklearindustrie beschäftigt, die Nachbeobachtungsdauer liegt bei rund 27 Jahren.

Inzwischen sind rund 66.600 der Nukleararbeiter gestorben, davon knapp 19.750 an Krebs (30 Prozent). Von diesen wiederum starben rund 18.000 an soliden Tumoren, die übrigen an Leukämie und Lymphomen.

In einer vorhergehenden publizierten Analyse der INWORKS-Daten haben die Forscher für nichtsolide Tumoren ein um 5 Prozent erhöhtes Sterberisiko ermittelt, wobei das Risiko dosisabhängig zu sein scheint: Für eine Knochenmark-Strahlenbelastung von 1 Gy berechneten sie ein dreifach erhöhtes Risiko, im Mittel lag die Gesamtbelastung über das Arbeitsleben hinweg jedoch bei nur 16 mGy, und 90 Prozent der Beschäftigten hatten eine Dosis von weniger als 40 mGy abbekommen (BMJ 2015; 351: h5359).

Höhere Dosen - hörere Mortalität

In ihrer aktuellen Analyse untersuchten sie nun, ob auch eine erhöhte Mortalität durch solide Tumoren vorliegt. Sie schauten also, ob Beschäftigte mit hoher Gesamtstrahlendosis häufiger an solchen Tumoren starben als Teilnehmer mit niedrigen Dosen.

Als Bezugsgröße diente die aus den Dosimeterdaten berechnete kumulative Kolondosis. Sie lag im Mittel bei 20,9 mGy. Zudem wurde eine Latenzzeit von zehn Jahren berücksichtigt.

Tatsächlich gingen höhere Dosen mit einer höheren Krebsmortalität einher, pro 1 Gy war das Risiko, an einem soliden Tumor zu sterben, jedoch nur um 48 Prozent gesteigert. Wurden auch Leukämien und Lymphome einbezogen, änderte sich daran nur wenig - insgesamt war die Tumorsterblichkeit pro 1 Gy dann um 51 Prozent erhöht.

Im Schnitt (bezogen auf 20,9 mGy) ergibt sich somit für den durchschnittlichen Nukleararbeiter ein um 1 Prozent erhöhtes Risiko, an einem Tumor zu sterben - ein linearer Zusammenhang angenommen.

Geht man jedoch davon aus, dass das Risiko bei niedrigen Dosierungen nicht ganz linear ansteigt - die Internationale Strahlenschutzkommission schlägt hier einen Dosis- und Dosisleistungs-Effektivitätsfaktor (DDREF) von 2 vor, durch den das Krebsrisiko bei geringen Dosen geteilt werden müsste -, dann läge das Krebssterberisiko für den durchschnittlichen Nukleararbeiter sogar nur um ein halbes Prozent höher als in der Allgemeinbevölkerung.

Robuste Risikozunahme

Bezogen auf das absolute Krebssterberisiko von etwa 25 Prozent ergebe sich damit die eingangs erwähnte Risikoerhöhung um 0,1 Prozentpunkte.

Diese Risikozunahme ist damit zwar marginal, aber immerhin recht robust. Wurden die Lungenkrebstoten nicht berücksichtigt - hier dürfte Rauchen die Hauptursache sein -, so ergaben die Berechnungen immer noch ein um 46 Prozent pro 1 Gy erhöhtes Krebssterberisiko.

Auch wenn die Epidemiologen nur einzelne Länder betrachteten oder typische Asbest-induzierte Tumoren beiseiteließen, änderte dies kaum etwas am Ergebnis.

Angesicht der geringen Risikoerhöhung im niedrigen Dosisbereich, dürfte auch hier die Frage aufkommen, ob bei kumulativen Dosen unter 40 mGy überhaupt ein erhöhtes Krebssterberisiko besteht - immerhin stammten 90 Prozent der Daten aus diesem Bereich.

Es wäre ja auch möglich, dass das erhöhte Krebssterberisiko einzig von hohen Dosierungen getrieben wird. Dies ist aber vermutlich nicht der Fall: Wurden gezielt Dosierungen unter 200, 150 und 100 mGy betrachtet, zeigte sich ebenfalls eine Risikoerhöhung zwischen 50 und 100 Prozent pro 1 Gy.

Allerdings waren die Ergebnisse nicht immer signifikant. Daher dürfte die Diskussion weitergehen, ob und inwieweit geringe Dosen an Radioaktivität das Krebsrisiko beeinflussen.

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