Medica Aktuell, 18.11.2009

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Brustkrebstherapie - frühzeitig, schonend und gezielt

Von Philipp Grätzel von Grätz

Radikale Operationen, undifferenzierte Behandlung: Beim Brustkrebs ist die Zeit der martialischen Therapie vorbei. Heute wird erst vorsichtig biopsiert und dann schonend operiert. Neue Verfahren ermöglichen eine noch gezieltere Therapie.

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Eine Ärztin beurteilt ein Mammogramm. Immer häufiger wird Brustkrebs bereits im frühen Stadium erkannt.

Foto: dpa

Noch bis in die 90er Jahre hinein wurden in der Brustkrebschirurgie bei fast jeder Frau mit Brustkrebs die Lymphknoten im Bereich der Achselhöhle komplett entfernt, um ja nicht mögliche Lymphknotenmetastasen im Körper zu lassen", erinnert sich Professor Thorsten Kühn, Leiter der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie am Klinikum Esslingen. Dann kamen erste Studien, die ein radikal neues Konzept verfolgten: "Die Idee war, dass der Lymphabfluss in der Brust einem geordneten Weg folgt. Wenn der erste Lymphknoten tumorfrei ist, dann müsste das auch für alle anderen gelten", so Kühn, der bei der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress, zu aktuellen Entwicklungen in der Brustkrebschirurgie sprechen wird. Weitere Studien bestätigten das Konzept.

Heute ist es Standard, vor der Brustkrebsoperation mit Hilfe eines Farbstoffs oder Tracers den Sentinel ausfindig zu machen und ihn dann zu biopsieren. Ist er tumorfrei, bleiben die Lymphknoten drin. "Die Konsequenz war, dass sich die durch die Operation hervorgerufenen Beschwerden dramatisch verringerten", so Kühn. Bei 60 Prozent der Frauen mit frühem Brustkrebs werden heute keine Lymphknoten entfernt.

Auch hinsichtlich der kosmetischen Ergebnisse hat die Brustkrebschirurgie deutliche Fortschritte gemacht. So werden heute 70 bis 80 Prozent der Frauen brusterhaltend operiert. Und immer häufiger werden so genannte onkoplastische Operationstechniken angewandt. Dabei wird die Brustdrüse aus Haut und Unterhautfettgewebe nachgeformt, ähnlich wie das in der Schönheitschirurgie bei einer Brustverkleinerung gemacht wird. "Diese Techniken ermöglichen eine Teilwiederherstellung oder Neuformung der Brust auch noch bei großen oder ungünstig gelegenen Tumoren", betont Kühn.

Anders als früher, als Frauen oft Glück brauchten, um an entsprechend geschulte Chirurgen zu kommen, steht die entsprechende Expertise heute in der Breite zur Verfügung. "Das ist auch eine Folge der Zentrenbildung. Dort gibt es regelhaft Chirurgen, die viele der plastischen Techniken beherrschen und diese auch oft genug anwenden", so Kühn. Auf die positiven Effekte der Zentren weist auch Professor Rolf Kreienberg von der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Universität Ulm hin. Kreienberg leitet die Sitzung zur Brustkrebstherapie, an der auch Kühn teilnimmt, und spricht zu aktuellen Herausforderungen der Brustkrebstherapie.

Und die sind nicht nur chirurgischer Natur. "Ein wichtiges Forschungsgebiet ist nach wie vor die Definition von Risikogruppen", sagt Kreienberg. So scheint es neben den beiden Brustkrebsgenen BRCA1 und BRCA2 weitere genetische Faktoren zu geben, die mit einem erhöhten Risiko einhergehen. Vor allem Defekte in den Genreparatur-Enzymen scheinen das Krebsrisiko zu erhöhen. "In Ulm überprüfen wir derzeit in unserer Risikosprechstunde ein entsprechendes Testsystem", so Kreienberg.

Wenn es gelänge, Risikopatientinnen mit einem solchen Testsystem ausfindig zu machen, gäbe es bereits einen sinnvollen Therapieansatz, nämlich die so genannte PARP-Hemmung. PARP steht für Poly-ADP-Ribose-Polymerase. Es ist ein nützliches Reparaturenzym für Defekte in der Erbsubstanz DNA. PARP ist besonders aktiv, wenn andere Reparaturenzyme defekt sind. Und hier entsteht das Problem: Brustkrebszellen nutzen PARP zur Reparatur eigener DNA-Schäden, und so trägt das Enzym speziell bei Frauen mit Defekten in anderen Reparatur-Enzymen zur Tumorausbreitung bei. "Hemmstoffe von PARP könnten speziell für diese Risikopatientinnen eine gute Option sein", so Kreienberg. Er denkt vor allem an einen Einsatz nach erfolgreicher Operation. Die PARP-Hemmung könnte das Rezidivrisiko senken.

Veranstaltung 101.1

Medica International:
"New Challenges in Breast Cancer"
In English

18 November 2009,
11.30 to 1.00 p.m.,
CCD Süd, Room 01, Ground Floor

Chair: Professor Rolf Kreienberg

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