Ärzte Zeitung, 03.12.2012

Brustkrebs-Patientinnen

Viele wollen komplementäre Therapien

Komplementäre und Alternative Medizin (CAM) ist bei Frauen mit Brustkrebs besonders beliebt. Doch nur selten sprechen sie ihren Gynäkologen oder Onkologen darauf an. Sie stützen sich vielmehr oft auf unsichere Informationsquellen.

Von Christine Starostzik

Viele wollen komplementäre Therapien

Yoga und Entspannungstechniken übten in einer Studie gut 40 Prozent der Brustkrebspatientinnen aus.

© Polka Dot Images / Thinkstock

FREIBURG. Komplementäre und Alternative Medizin (CAM) gehört nicht gerade zum Repertoire einer Standardtherapie bei Krebs. Doch viele Patienten erhoffen sich dadurch zusätzlichen Nutzen.

Eine Studie der Uni Freiburg zeigt, dass viele Brustkrebspatientinnen dringend mehr Informationen zu diesem Thema wünschen, jedoch ihren Onkologen oder Gynäkologen selten danach fragen. Hier liegt ein großes Potenzial brach.

CAM erfreut sich großer Beliebtheit. Krebspatienten möchten vor allem Chemo- oder Radiotherapien durch sanfte Methoden ergänzen und erhoffen sich damit mehr Lebensqualität, Linderung von Nebenwirkungen oder eine Stärkung des Immunsystems.

Besonders hoch ist die Zahl der CAM-Nutzer bei Brustkrebspatientinnen. Wie viele der Betroffenen CAM-Methoden anwenden, aus welchen Quellen sie ihre Informationen darüber beziehen und was sie sich davon erhoffen, haben Forscher um Dr. Esther Tautz von der Freiburger Uniklinik untersucht.

An ihrer Querschnittstudie mit Fragebögen zum Thema nahmen 170 Frauen mit Brustkrebs aller Stadien teil (European Journal of Cancer 2012; 48: 3133).

Vitamine führen die Hitliste an

Die Befragung ergab, dass 63 Prozent der Frauen CAM nutzten, in fortgeschrittenen Stadien sogar 80 Prozent. Dabei handelte es sich vorwiegend um jüngere Frauen mit höherem Bildungsgrad.

66 Prozent von ihnen nahmen Vitamine und Mineralstoffe ein, 51 Prozent Mistelpräparate, 43 Prozent übten sich in Yoga und Entspannungstechniken, 33 Prozent setzten auf Phytopräparate, ebenfalls 33 Prozent auf physikalische Therapie, 29 Prozent auf Homöopathie, 14 Prozent erhofften sich Vorteile durch die manuelle Medizin und 10 Prozent ließen sich akupunktieren.

Als häufigste Gründe nannten die Frauen, sie wollten damit ihren Allgemeinzustand verbessern, ihre Selbstheilungskräfte wecken, das Immunsystem ankurbeln, aktiv etwas zu ihrer Gesundheit beitragen, die konventionelle Therapie unterstützen sowie gegen Energieverlust und Fatigue ankämpfen.

Frauen ohne CAM-Erfahrung gaben an, dass sie von der Wirkung der konventionellen Therapiemaßnahmen größtenteils überzeugt seien (34 Prozent). 31 Prozent von ihnen hatten noch nicht über die Nutzung weiterer Therapien nachgedacht.

Es zeigte sich, dass die Frauen bei ihrem Onkologen, der für die Standardversorgung zuständig ist, das Thema "Komplementär- und Alternativmedizin" eher nicht oder nur zögernd anschnitten.

"Klinik falscher Ort für das Thema"

Jede Zweite verließ sich lieber auf Erfahrungen von Familienmitgliedern oder den Rat von Freunden, immerhin 40 Prozent fragten ihren Hausarzt nach Möglichkeiten einer solchen Behandlung und 39 Prozent suchten in den verschiedenen Medien einschließlich dem Internet nach Informationen.

Nur 20 Prozent brachten das Thema in der ambulanten Versorgung bei ihrem Gynäkologen auf den Tisch, beim Onkologen sogar nur 11 Prozent.

Dem gegenüber steht aber offenbar der dringende Wunsch der Patientinnen nach Wissen: Denn 93 Prozent würden gerne bereits im Rahmen der stationären onkologischen Therapie Informationen zu den Möglichkeiten von CAM erhalten.

Auf die Frage nach den Gründen für das ausbleibende Gespräch zu CAM-Methoden antwortete jede vierte Patientin, sie sei nicht danach gefragt worden, viele empfanden die Klinik auch als den falschen Ort für solche Themen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Chancen besser nutzen!

[08.12.2012, 12:54:42]
Rudolf Hege 
Patientinnen werden oft "abgebügelt"
Ich bin komplementärmedizinisch tätig und muss leider feststellen, dass Patientinnen, die ich auffordere, ihre Onkologen über die zusätzlichen Therapien zu informieren, dort selten auf Verständnis stoßen. Entweder werden die komplementären Therapie rundweg abgelehnt ("Tun sie auf gar keinen Fall etwas zusätzlich") oder es interessiert schlichtweg niemand ("Das ist alles eh unnützt. Aber wenn Sie zu viel Geld haben, dann machen sie das halt"). Kein Wunder, dass die Frauen dann nicht mehr das Gespräch suchen. Das ist bedauerlich, denn eine gegenseitige Abstimmung wäre sinnvoll. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Top-Meldungen

Vielversprechende Fortschritte in der Diagnostik

Morbus Alzheimer lässt sich immer zuverlässiger diagnostizieren und von anderen Krankheiten abgrenzen. Seit Kurzem gewährt die Tau-PET präzisere Einblicke in den Krankheitsverlauf – und verbessert damit die Diagnostik. mehr »

"Wir verstehen den Unmut der Ärzte"

Verärgerung bei Ärzten und KVen: Die Deutsche Telekom kündigt Praxen die Routerverträge - zum 21. Oktober! Doch wie bekommen Ärzte dann ihren sicheren Zugang zum KV-Safenet? mehr »

Die Selbstvermessung des eigenen Ichs

Der Markt an Gesundheits-Apps wächst und wächst - derzeit gibt es 379.000 Anwendungen fürs Smartphone oder Tablet. Die Selbstvermessung kennt keine Grenzen. Was sind die Folgen des Optimierungswahns? mehr »