Ärzte Zeitung, 19.10.2010

M. Crohn begann mit Lippenbeschwerden

Eine granulomatöse Cheilitis war bei einem jungen Mann mit Morbus Crohn die Erstmanifestation der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung.

Von Thomas Meißner

M. Crohn begann mit Lippenbeschwerden

Derbe, teigige Schwellung beider Lippen mit bandförmiger, kontinuierlicher Infiltration über die rechte Wange bis hin zum Kieferwinkel.

M. Crohn begann mit Lippenbeschwerden

Nahezu vollständige Rückbildung der Makrocheilie nach Einleitung der Morbus-Crohn-spezifischen Therapie.

© Springer [2]

Hautärzte können unter Umständen eine maßgebliche Rolle bei der Identifikation von Patienten mit Morbus Crohn haben. Darauf deutet die Fallgeschichte eines 37-jährigen Patienten hin.

Der junge Mann stellte sich zunächst wegen einer seit zwei Jahren zunehmenden Schwellung der Lippen, schmerzhafter Mundwinkelrhagaden sowie Missempfindungen und Hypästhesien der Lippen und im Vestibulum oris vor, berichten Dr. Frank Meiss von der Universitätshautklinik in Freiburg i. Br. und seine Kollegen (Hautarzt 2010, 61: 691). Die von den Dermatologen diagnostizierte Cheilitis granulomatosa wurde zunächst mit einem Steroid-Lokalanästhetikum-Gemisch behandelt, das in Ober- und Unterlippe injiziert wurde. Diese Injektionen wurden alle drei bis vier Wochen wiederholt. Zusätzlich erhielt der Mann Dapson.

Eineinhalb Jahre später klagte der Patient dann über Darmkoliken und blutig-schleimige Durchfälle bis zu 15-mal am Tag. Per Koloskopie ließ sich ein Morbus Crohn sichern. Die bisherige Therapie wurde abgesetzt, und der Patient erhielt dreimal täglich 1 g Mesalazin sowie dreimal 3 g Budesonid täglich. "Hierauf bildeten sich nicht nur die gastrointestinalen Symptome innerhalb eines Zeitraumes von drei Monaten zurück, auch die noch bestehende Lippenschwellung war nahezu vollständig regredient", so Meiss und seine Kollegen. Damit stand fest, dass die Cheilitis die kutane Erstmanifestation des M. Crohn gewesen war.

Die seltene Cheilitis granulomatosa verläuft attackenartig mit zunächst reversiblen, später persistierenden Schwellungen der Lippen und der Perioralregion. Sie wird heute eher als deskriptiv-diagnostisches Symptom aufgefasst und daher der Begriff der orofazialen Granulomatose favorisiert. Damit wird herausgestellt, dass eine weiterführende Diagnostik bei derartigen Symptomen erforderlich ist. Dazu sollte auch die gastrointestinale Diagnostik gehören, empfehlen die Freiburger Dermatologen.

Extraintestinale M. Crohn-Symptome gehen bei etwa 25 Prozent der Betroffenen der intestinalen Symptomatik voraus, bei 70 Prozent bestehen sie zeitgleich, oder sie folgen mit einer gewissen zeitlichen Latenz. Evidenzbasierte Therapieempfehlungen existieren nicht. Die Freiburger Kollegen empfehlen jedoch bei M. Crohn mit variabler extraintestinaler Manifestation grundsätzlich die immunsuppressive oder immunmodulierende Behandlung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »