Ärzte Zeitung, 06.10.2016

Sprachverarbeitung

App gibt einen Einblick ins Gehirn

Wie funktioniert die menschliche Sprachverarbeitung? Forschern ist nun ein wichtiger Blick ins Gehirn gelungen - mithilfe einer App.

BOCHUM. Die meisten Menschen verarbeiten Sprache ja vorrangig in der linken Gehirnhälfte. Wie es zu dieser Asymmetrie kommt, ist bisher nicht bekannt. Forscher haben nun mithilfe einer Handy-App untersucht, ob Eltern diese Vorliebe an ihre Kinder weitergeben.

Ergebnis: Wie die Asymmetrie bei den Kindern liegt, hat mit der der Eltern nichts zu tun. Einen deutlichen elterlichen Einfluss fanden die Forscher aber auf die Fähigkeit der Kinder, ihre Aufmerksamkeit auf Sprachinformationen zu lenken, die von nur einer Seite kommen, heißt es in einer Mitteilung der Ruhr-Universität Bochum (RUB).

"Wir wissen, dass die Kinder von Linkshändern überzufällig häufig auch Linkshänder sind", wird Privatdozent Dr. Sebastian Ocklenburg vom Institut für kognitive Neurowissenschaft der RUB zitiert, der die aktuelle Studie leitete. "Diese Asymmetrie ist also erblich. Wir wollten nun wissen, ob das auch für die Asymmetrie der Sprachverarbeitung im Gehirn gilt."

Ursprünglich für schizophrene Patienten

Die Wissenschaftler nutzten für die Studie eine Smartphone-App, die an der Universität Bergen in Norwegen entwickelt worden war. Ursprünglich diente sie dazu, schizophrene Patienten zu untersuchen, die unter akustischen Halluzinationen leiden. Für den neuen Zweck war sie aber genauso gut geeignet.

Testteilnehmer bekamen über Kopfhörer von ihrem Handy verschiedene Silben vorgespielt, zum Beispiel "ba" auf einem Ohr und "pa" auf dem anderen. Sie sollten dann auf dem Display auswählen, welche Silbe sie deutlicher gehört haben. "Weil die Eingangsinformationen aus dem rechten Ohr in der linken Gehirnhälfte verarbeitet werden und umgekehrt, konnten wir daraus schließen, welche Hirnhälfte bei der Sprachverarbeitung dominant ist", erklärt Ocklenburg.

Folgestudien geplant

Es stellte sich heraus, dass die Seitenvorliebe der Eltern sich nicht auf die der Kinder übertrug, heißt es weiter. Ein deutlicher elterlicher Einfluss zeigte sich aber auf die Fähigkeit der Kinder, sich auf die Sprachinformationen einer Seite zu konzentrieren. Hatten die Eltern eine starke kognitive Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit, hatten das auch die Kinder (Brain Cog 2016; 109: 34–39) Folgestudien sollen nun zeigen, ob sich die Fähigkeit vererbt oder sich durch die Erziehung vermittelt.

Ocklenburg freut auch die Bestätigung, dass sich dank Smartphone-App eine große Familienstudie mit sehr wenig Aufwand kostengünstig durchführen lässt. "Die Probanden konnten in ihrem eigenen Wohnumfeld an der Studie teilnehmen. Dadurch sind wir nah am ‚echten Leben‘. Die oft verrufenen Smartphone-Apps sind also nicht nur schlecht, sondern bieten tolle Anwendungsmöglichkeiten für die Forschung." (eb)

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