Ärzte Zeitung online, 09.05.2014

Hygiene-Hypothese

Wurmeier gegen Multiple Sklerose

Die Einnahme von Eiern des Schweinepeitschenwurms könnte ein neuer Therapieansatz bei Multipler Sklerose sein. Einer Pilotstudie zufolge ist die Anwendung sicher und scheint auch die Zahl der Gadolinium-aufnehmenden Läsionen leicht zu verringern.

Von Gunter Freese

Wurmeier im Test gegen Multiple Sklerose

Ei eines Peitschenwurms: Option bei MS?

© Dr. Mae Melvin / CDC

PHILADELPHIA. Die Hygiene-Hypothese postuliert, dass das sehr hohe Maß an Hygiene in der entwickelten Welt zu einer gestörten Immunregulation und damit zum Ausbruch von Autoimmunerkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS) beitragen kann.

In der Vergangenheit ist bereits gezeigt worden, dass unterschiedliche Würmer (Helminthes) die Immunregulation bessern können.

Doch lässt sich noch etwas ausrichten, wenn eine MS schon ausgebrochen ist, kann man mangelnde Kontakte mit Mikroben im bisherigen Leben durch die Verabreichung bestimmter Organismen quasi im Nachhinein ausgleichen?

US-amerikanische Forscher um John Fleming haben in einer kleinen Pilotstudie die Sicherheit und die mögliche Wirksamkeit von Eiern des Schweinepeitschenwurms (Trichuris suis) geprüft.

Nach einer Eingangsuntersuchung und einer fünfmonatigen Beobachtungszeit verabreichten sie 15 Patienten mit kürzlich diagnostizierter, bisher unbehandelter schubförmiger MS über zehn Monate alle zwei Wochen 2.500 lebende Eier des Schweinepeitschenwurms.

Pelli 1-Gen: Expression vermindert

In monatlichen MRTs wurde die Veränderung der Zahl der Gadolinium-aufnehmenden Läsionen (Gd+-Läsionen) erfasst. In der fünfmonatigen Beobachtungszeit wurden im Mittel 3,2 und in den letzten fünf Monaten der Behandlungszeit im Schnitt 2,1 Gd+-Läsionen gezählt, was einer relativen Reduktion um 34 Prozent entspricht.

Dieser Trend war statistisch jedoch nicht signifikant. Weitere Studien müssen folgen, um die Wirksamkeit in der Behandlung der MS zu zeigen.

Die Wurmeier wurden insgesamt gut vertragen, bei der Hälfte der Patienten traten allerdings 30 Tage nach der ersten Gabe leichte gastrointestinale Symptome wie Krämpfe und Durchfälle auf, die nach ein bis drei Tagen wieder abklangen. Bei zwei Patienten waren diese Symptome mittelschwer ausgeprägt.

Die Behandlung war mit einer Erhöhung der Zahl der regulatorischen T-Zellen und einer modifizierten Th2-Immunantwort verknüpft.

Analysen peripherer mononukleärer Blutzellen legen nahe, dass die Behandlung zu einer verminderten Expression des Pellino-E3-Ubiquitin-Ligase Protein 1 (Pelli 1)-Gens führte, das in der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis - und möglicherweise auch bei der MS - ein zentraler Aktivator von Mikroglia ist.

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