Ärzte Zeitung, 28.11.2007

Alkohol bei Jugendlichen immer beliebter

Zahl der Jugendlichen, die wegen Alkoholmissbrauchs stationär behandelt werden, hat sich in fünf Jahren verdoppelt

STUTTGART (mm). Der Konsum von illegalen Drogen geht zurück, der Konsum von Alkohol nimmt vor allem bei Jugendlichen zu. Beinahe jeder Arzt hat mit jungen Patienten zu tun, die ein massives Suchtproblem haben. Beim Symposium des Ausschusses Suchtmedizin der Landesärztekammer Baden-Württemberg wurde deutlich, wie leicht junge Menschen an Drogen gelangen und wie schwierig es oft ist, ihnen zu helfen.

 Alkohol bei Jugendlichen immer beliebter

Exzessiver Alkoholkonsum hat bei Jugendlichen in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Foto: imago

Jeder zwölfte Patient, der in einem baden-württembergischen Krankenhaus wegen seines Alkoholkonsums behandelt werden muss, ist jünger als 20 Jahre. Auch der Konsum illegaler Drogen gehört für immer mehr junge Menschen zum Alltag. Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergab, dass 32 Prozent der 12 bis 25-jährigen Drogen probiert haben. 1979 waren es 16 Prozent.

Ärzte und Politiker in Stuttgart waren sich einig: Der Jugendschutz muss effektiver durchgesetzt und Kinder und Jugendliche besser vor alkoholbedingten Gesundheitsschäden und anderen Suchtgefahren geschützt werden.

Die Suchtmedizin sei eine Querschnittaufgabe für alle Fachgebiete, ist Dr. Christoph von Ascheraden, Vorsitzender des Ausschusses "Suchtmedizin" bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg, überzeugt. Bei ihren Patienten eine Gefährdung durch Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch zu erkennen, dies gehöre zum Rüstzeug der Ärzte. Die Weiterbildungsordnung der baden-württembergischen Mediziner trage dieser Notwendigkeit besonders für die Innere Medizin und Allgemeinmedizin Rechnung. "Das reicht jedoch nicht aus, um die vielfältigen Probleme suchttherapeutischer Erkrankungen bei unseren Patienten adäquat zu erkennen und eine qualifizierte Therapie in die Wege zu leiten", so von Ascheraden.

Als eine der ersten Kammern bundesweit hat Baden-Württemberg 1995 eine strukturierte Qualifikation in Form der Fachkunde Suchttherapie eingeführt. 2006 beschlossen die Delegierten für ihre Weiterbildungsordnung zudem die Zusatzbezeichnung Suchtmedizin.

Im Südwesten besitzen derzeit 633 Ärzte die Fachkunde, allerdings haben zum Beispiel nur 365 die Genehmigung zur Substitutionstherapie durch die KV beantragt. Die Angst vor staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen, enge rechtliche Rahmenbedingen bei der Substitutionstherapie und nicht zuletzt die schlechte Honorierung der engagierten Ärzte seien Gründe für diese Zurückhaltung, so Ascheraden. Überhaupt sei das Interesse am Erwerb der Fachkunde oder der Zusatzweiterbildung deutlich zurückgegangen.

Dabei werden Suchtmediziner mehr denn je gebraucht. Nach Angaben des statistischen Landesamtes ist seit 2001 ein stetiger Anstieg bei den Suchtkranken zu beobachten, so zum Beispiel bei den Alkoholabhängigen. Im Jahr 2005 befanden sich hier unter den insgesamt etwa 38 000 Patienten rund 3200, die das 20. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutete dies eine Zunahme von mehr als 15 Prozent. Die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung stationär behandelt wurden, stieg bundesweit um 50 Prozent innerhalb von fünf Jahren.

"Die Erhebungen zeigen, dass riskanter Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen ein wachsendes Problem ist. Diesem Trend müssen wir entgegentreten. Kinder und Jugendliche müssen darin unterstützt werden, alkoholfrei zu leben", sagte Arbeits- und Sozialministerin Dr. Monika Stolz in Stuttgart. Dazu seien breite Bündnisse vor Ort notwendig, so die Ministerin.

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