Ärzte Zeitung, 23.06.2008

Stress und Gene steuern Alkoholkonsum

Stress plus bestimmte Genvarianten lassen Jugendliche früh zur Flasche greifen / Studie mit über 380 Kindern

MANNHEIM (mut). Viel Stress und die falschen Gene - diese Kombination führt offenbar dazu, dass Jugendliche sieben Monate früher mit dem Alkoholkonsum beginnen und als Erwachsene etwa 50 Prozent mehr Alkohol trinken. Darauf deuten Daten der Mannheimer Risikokinderstudie, die jetzt beim Suchtkongress in Mannheim vorgestellt worden sind.

 Stress und Gene steuern Alkoholkonsum

Belastende Lebensereignisse werden von Jugendlichen mit bestimmten Genvarianten offenbar schlechter verkraftet - sie greifen dann eher zu Alkohol.

Foto: imago

Weshalb manche Menschen in Stressreaktionen eher zur Flasche greifen als andere, ist noch wenig bekannt, doch sind auch genetische Faktoren von Bedeutung. Sie beeinflussen offenbar, wie Menschen auf Stress reagieren. So ist etwa aus Tierversuchen bekannt, dass Mäuse mit Gendefekten im Kortisol-System praktisch stressresistent sind, und zwar dann, wenn sie keine Rezeptoren für das Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) ausbilden.

Stressanfälligkeit hängt von bestimmten Rezeptoren ab

Das Hormon wird im Hypothalamus bei Stressreaktionen ausgeschüttet und führt einerseits über Hypophyse und Nebennierenrinde zu einer hormonellen Stressreaktion mit Kortisol-Freisetzung, andererseits über die Amygdala im Gehirn zu einem ängstlichen Verhalten. Bilden gentechnisch veränderte Nager dagegen zuviel der CRH-Rezeptoren, haben sie vermehrt Stress-Reaktionen. Stellt man ihnen Alkohol zur Verfügung, trinken sie sowohl unter Stress als auch in Ruhephasen mehr davon als normale Mäuse, hat die Diplom-Psychologin Brigitte Schmid vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim berichtet.

Forscher analysierten Gene des Kortisol-Systems

Ähnliches trifft offenbar auch für Menschen zu. Darauf deuten zumindest Daten der Mannheimer Risikokinderstudie (MARS), die Schmid auf dem Suchtkongress in Mannheim vorgestellt hat. In der Studie wurden über 380 Kinder von der Geburt bis zum 20. Lebensjahr untersucht. Regelmäßig abgefragt wurden dabei auch kritische Lebensereignisse und der Alkoholkonsum. Zudem entnahmen die Forscher bei etwa 270 Teilnehmern Blutproben für genetische Analysen. Die Arbeitsgruppe von Schmid schaute bei diesen Kindern nun gezielt nach Varianten im Gen für den CRH-Rezeptor (CRHR1).

Die Forscher fanden eine Variante (SNP8), die bei etwa einem Drittel der Teilnehmer auftrat. Sie war signifikant mit einem geringeren Alkoholkonsum assoziiert als bei Teilnehmern ohne diese Variante - offenbar schützte sie etwas vor übermäßigem Alkoholkonsum. Eine weitere Variante (SNP4) war dagegen mit einem erhöhten Konsum assoziiert. Sie trat bei etwa einem Sechstel der Teilnehmer auf und scheint ein genetischer Risikofaktor für den erhöhten Alkoholkonsum zu sein. Die Forscher schauten weiter, ob die Varianten auch das Einstiegsalter für Alkoholkonsum beeinflussen.

Die Jugendlichen tranken erstmals mit 14 Jahren Alkohol

Das erste Mal Alkohol tranken die Jugendlichen der Studie im Schnitt mit knapp 14 Jahren, und zwar weitgehend unabhängig von den jeweiligen Genvarianten.

Bei Kindern, die in einer sehr belastenden Umgebung aufwuchsen und viel Stress erzeugende Ereignisse in ihrem Leben hatten, sah das Bild jedoch anders aus: Hatten solche Kinder zusätzlich den genetischen Risikofaktor SNP4, dann griffen sie sieben Monate früher als Kinder mit der normalen Genvariante erstmals zum Glas.

Hatten sie dagegen den Schutzfaktor SNP8, geschah der erste Alkoholkontakt einige Monate später. "Sowohl Stress als auch SNP4 führen allein nicht zu einem früheren Erstkonsum", so Schmid, "der Effekt tritt erst auf, wenn beide Faktoren zusammenkommen."

Genetische Faktoren könnten Stressbewältigung beeinflussen

Anders sieht es beim Alkoholkonsum junger Erwachsener aus. Hier steigert offenbar schon ein erhöhter Stresspegel das Bedürfnis nach Bier und Schnaps, hat die Analyse bei den Teilnehmern im Alter von 19 Jahren ergeben. Dieses Bedürfnis wird bei Menschen mit der SNP4-Variante offenbar noch gesteigert - um bis zu 50 Prozent. Dagegen trinken Menschen mit der SNP8-Variante eher weniger als der Durchschnitt.

Schmid vermutet, dass die SNP4-Variante im Gen für den CRH-Rezeptor Menschen für Stress vulnerabler macht - ähnlich wie Mäuse mit einer hohen Dichte solcher Rezeptoren im Gehirn. Eine alternative Erklärung wäre, so die Psychologin, dass Menschen mit dem genetischen Risikofaktor andere Strategien zur Stress-Bewältigung verwenden - und dabei eher auf Alkohol setzen.

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