Ärzte Zeitung online, 30.12.2013

Internetsucht

So können Eltern vorbeugen

Kaum ein Kinderzimmer ist heute noch offline. Eltern mangelt es jedoch häufig an Interesse und Kompetenz, um die Internetnutzung ihrer Kinder zu begrenzen und Schäden abzuwenden. Spezielle Kurse sollen ihnen dabei helfen.

Von Thomas Müller

Internetsucht: Wie Eltern vorbeugen können

Internetsucht: 40 Stunden pro Woche am Rechner sind bei Jugendlichen heute keine Seltenheit.

© lassedesignen / fotolia.com

BERLIN. Um in Rollenspielen wie "World of Warcraft" den Helden zu geben, muss man schon etwas Zeit investieren. Das ist mitunter ein richtiger Vollzeitjob. 40 Stunden pro Wochen am Rechner sind keine Seltenheit, denn die Konkurrenz schläft nicht.

Wenn dann am Wochenende dummerweise der Geburtstag der Oma ansteht, und zwei Tage kein leistungsfähiger Computer greifbar ist, dann kostet das richtig Punkte. Kein Wunder, dass der Hausfrieden schief hängt, wenn die Eltern versuchen, den Jungen vom Rechner loszueisen und ins Auto zu bugsieren.

In so einer Situation ist nach Ansicht von Psychologen so ziemlich alles schief gelaufen, was nur schief laufen kann. Der Sohnemann zeigt dann bereits ein pathologisches Spielverhalten, das sich so schnell nicht ändert. Hier ist dann professionelle Hilfe gefragt.

Soweit muss es allerdings nicht kommen. Wenn die Eltern nur etwas mehr darauf achten würden, was ihr Nachwuchs den ganzen Tag lang am Computer treibt, ließe sich so mancher Schaden abwenden, hat Chantal Mörsen von der Berliner Charité beim DGPPN-Kongress in Berlin berichtet.

Und dabei geht es nicht nur um Rollenspiele: Ähnlich gefährdet ist die Tochter, die jeden Tag stundenlang an ihrem Facebook-Auftritt feilt. Und der Heranwachsende, der K.O.-Tropfen und halluzinogenes "Badesalz" bei einschlägigen Online-Anbietern bestellt oder sich durch Pornoseiten klickt, bewegt sich recht schnell jenseits einer rechtlichen Grauzone.

Doch viele Eltern fühlen sich in Computerangelegenheiten noch immer überfordert und setzen den Kindern keine klaren Grenzen, weil sie nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, was am Bildschirm vor sich geht, wie die Psychologin von der Berliner Charité erläuterte.

Auch nach Auffassung von Kerstin Jüngling von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention hängt vieles an der Erziehung: In ähnlicher Weise, wie Eltern ihren Kindern beibringen, an roten Ampeln stehen zu bleiben und erst nach rechts und links zu schauen, bevor sie die Straße überqueren, so sollten sie ihnen auch klare Regeln für eine kompetente Nutzung des Internets nahelegen - damit sie eben nicht von Spielen wie "World of Warcraft" oder anderen Verlockungen der virtuellen Welt überrollt werden.

Öfter was offline unternehmen

Ein Anfang könnte sein, so die Psychologen, dass sich die Eltern zunächst einmal neben die Kinder an den Rechner setzen und sich erklären lassen, wie soziale Netzwerke funktionieren. Sie könnten auch zusammen mit den Kindern am Rechner spielen, um zu begreifen, welche Faszination solche Spiele ausstrahlen.

Dadurch erlangen die Eltern zumindest etwas Hintergrundwissen, welches sie weiter vertiefen können. Mit zunehmendem Wissen erwerben sie schließlich die Handlungskompetenz, um schädlichen Internetkonsum zu erkennen und ihn rechtzeitig einzuschränken. Dies müsse dann durch klare Familienregeln geschehen.

Solche Regeln scheuten Eltern jedoch oft mit der Begründung, dass die Kinder dann bei ihren Freunden machen würden, was sie wollen, wenn sie es nicht mehr zu Hause am eigenen Computer dürfen.

Sie seien dann oft überrascht, wenn sie erfahren, dass in andern Familien die Computer- und Online-Nutzung durchaus eingeschränkt wird. Mit anderen Familien über das Thema zu reden, könne daher sehr erhellend sein, berichteten die beiden Psychologinnen.

Viele Eltern fühlen sich dennoch nicht auf Augenhöhe, wenn sie mit dem Nachwuchs über Computer und Internet reden. An solche Eltern wendet sich die Kampagne "Update" der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. In einem vierstündigen Kurs wird Eltern beigebracht, eine kritische Online-Nutzung zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren.

Seit 2010 haben 18 Kurse mit 288 Eltern stattgefunden, sagte Projektkoordinatorin Michaela Graf auf dem Kongress. Bei einer Nachbefragung gaben drei Viertel der Teilnehmer an, dass sie sich jetzt häufiger zeigen lassen, womit ihr Kind die Zeit am Rechner verbringt, zwei Drittel haben mit ihren Kindern Regeln zur Nutzung getroffen, 70 Prozent sprechen nun mit dem Nachwuchs gezielt über die Inhalte und mögliche Gefahren, und immerhin zwei Drittel gaben an, alternative Freizeitaktivitäten zu fördern: Also öfter mal etwas offline mit dem Sohn oder der Tochter zu unternehmen.

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