Ärzte Zeitung, 29.03.2016

Drogen

Können zwei Pillen Ecstasy das Gedächtnis löschen?

Der Konsum von MDMA kann offenbar auch langfristig zu Gedächtnisproblemen führen: Ein junger Mann präsentierte sich auch noch fünf Monate nach dem Ecstasy-Rausch mit einer schwerwiegenden antero- und retrograden Amnesie.

Von Thomas Müller

Können zwei Pillen Ecstasy das Gedächtnis löschen?

Wer Ecstasy konsumiert, muss offenbar mit Langzeitschäden des Gehirns rechnen.

© Anbna Kowolik / fotolia.com

LÜBECK. Nach einem Ecstasy-Rausch konnte sich ein 21-jähriger Mann für zwei Tage nichts Neues mehr merken. Auch Monate später litt er noch unter einer schweren Amnesie. Offenbar hatte die Droge den Hippocampus beschädigt.

Eine kurzfristige Amnesie zählt dabei zu den bekannten Nebenwirkungen eines Ecstasy-Rausches: Im Web kursiert etwa ein Bericht, wonach ein Betroffener innerhalb einer halben Stunde 50-mal versuchte, seine Hose anzuziehen: Er stand auf, vergaß dann wieder, weshalb, setzte sich, bemerkte, dass er keine Hose anhatte, stand wieder auf, vergaß erneut, setzte sich und so weiter.

Er hätte wohl, in seiner persönlichen Zeitschleife gefangen, diese Prozedur noch viel länger wiederholt, hätten ihm seine Freunde nicht irgendwann beim Anziehen geholfen.

In der Regel verschwinden solche Gedächtnisprobleme nach einiger Zeit wieder, nicht so bei einem 21-jährigen Mann, über den Lübecker Neurologen um Dr. Norbert Brüggemann berichten (J Neurol 2016; online 16. März).

Dieser hatte nach zwei Pillen Ecstasy zwei Tage lang sein anterogrades Gedächtnis verloren: Er stellte immer wieder dieselben Fragen und war nicht im Geringsten in der Lage, neue Informationen abzuspeichern. Dabei war der Mann relativ drogenerfahren: Nach eigenen Angaben konsumierte er ein- bis zweimal im Monat eine Ecstasy-Pille und rauchte ebenso häufig einen Joint.

Gedächtnis noch Monate gestört

Drei Wochen nach dem verhängnisvollen Drogenrausch veranlassten die Ärzte um Brüggemann eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung. Dabei zeigten sich noch immer gravierende Defizite beim Lernen von Wortlisten sowie beim semantischen, nicht aber beim prozeduralen Gedächtnis.

Daran hatte sich auch bei einer wiederholten Untersuchung fünf Monate später wenig geändert: Der Ecstasy-Konsument präsentierte sich mit einer schwerwiegenden antero- und retrograden Amnesie, beim Lernen von Wortlisten hatte er sich nur minimal verbessert.

Er versuchte, mit Schlüsselwörtern und Eselsbrücken Zugang zum verschütteten Gedächtnis zu erlangen. Immerhin konnte er seine Ausbildung in einem Logistikunternehmen trotz der Einschränkungen weiterführen. Den Ärzten fiel nun auch eine Gewichtszunahme um 15 kg auf.

MRT-Untersuchungen

In den MRT-Untersuchungen drei Wochen nach Beginn der Amnesie fanden die Lübecker Neurologen bei T2-Gewichtung und Diffusionsbildgebung hyperintense Signale im Hippocampus.

Eine virale Infektion konnte durch eine Liquoranalyse weitgehend ausgeschlossen werden, auch fanden die Ärzte dort keine Zeichen einer Multiplen Sklerose. Blutbild, Leber- und Nierenwerte waren ebenfalls unauffällig.

Aus der Literatur sei bislang ein weiterer ähnlicher Fall mit monatelanger antero- und retrograder Amnesie nach Ecstasy-Konsum bekannt, schreiben Brüggemann und Mitarbeiter. Die Symptome erinnerten an einen Epilepsiepatienten, der nach einer bilateralen medialen Temporallappenresektion eine Amnesie entwickelte.

Pathomechanismen unklar

Wie es zu der angenommenen Hippocampusschädigung bei dem 21-jährigen Patienten mit Ecstasy-Konsum kam, ist jedoch noch unklar. Denk- bar sei sowohl eine direkte Toxizität des Amphetamin-Derivats MDMA (3,4-Methylendioxy-N-Methylamphetamin) als auch eine indirekte Schädigung über ein serotonerges und dopaminerges Transmittergewitter.

Eine schwere Dehydratation und Überhitzung, wie sie von MDMA begünstigt wird, könnte ebenfalls ein Grund sein.

[31.03.2016, 19:07:32]
Oliver Rudolph 
Gedächtnisverlust nach 2 Pillen ecstasy
Ich kann Dr. Grimm hier nur zustimmen, ohne das abgeklärt wurde ob es sich bei der eingenommenen Droge um reines MDMA handelt (es wären als Beimengung oder Hauptwirkstoff sowohl durch die illegale Synthese angefallene Nebenprodukte, als auch fälschlicherweise als MDMA/Ecstasy verkaufte Neue Psychoaktive Suststanzen, genannt NPS oder RC für Research Chemicals, denkbar) lässt sich aus dem beschriebenen Vorfall eigentlich rein garnichts ableiten. Dass ein derartiger Fall erst einmal dokumentiert wurde bestärkt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem Auslöser nicht um das millionenfach konsumierte reine MDMA handelt, sondern um einen weiteren Stoff oder ein Stoffgemisch der/das ermittelt, oder aber doch ausgeschlossen werden müsste. Ecstasy Pillen sind keine Arzneimittel, der Inhalt schwankt sowohl qualitativ als auch quantitativ erheblich, eine Gefahr die wir vor allem der nach wie vor angewandten sinnlosen Drogenpolitik ohne jegliche Akzeptans des Konsums zu verdanken haben, denn in Reinform sind so gut wie alle verbreiteten illegalen Drogen deutlich weniger Schädlich als Tabak oder Alkohol.

Außerdem ist der Titel irreführend, die neurologischen Schäden durch regelmäßige Einnahme von Ecstasy in so kurzen Abständen kumulieren, deswegen kann nicht von einem Gedächtnisverlust nach 2 Pillen, sondern viel mehr nach regelmäßigem Konsum gesprochen werden.  zum Beitrag »
[30.03.2016, 01:13:13]
Dr. Karl-Heinz Grimm 
Gedächtnisverlust nach 2 Pillen ecstasy
Der geschilderte Fall ist ja wirklich sehr beeindruckend aber wurde alles dabei berücksichtigt. Waren vielleicht noch andere Drogen im Spiel z.b. kräuter, Badesalze etc., deren Zusammensetzung man ja oft noch gar nicht kennt und somit ja auch noch keine Diagnostik gezielt erfolgen kann. Ich erinnere mich an eine schwerwiegende drogenkomplikation vor jahren, wo ein Patient in bewustseinstörung mit Lähmungen ähnlich wie querschnittsymptomatik aufgefunden wurde und außer seinem substititionsmittel nichts diagnostiziert werden konnte. Der pat. Hat sich nach Monaten wieder ganz langsam gebessert aber ein kognitiver Leistungsverlust ist geblieben.außerdem eine retrograde Amnesie für das damalige geschehen. zum Beitrag »

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