Ärzte Zeitung, 29.03.2005

Placebo wirkt, aber es kann eine aktive Substanz nicht ersetzen

Finnische Forscher prüfen, warum Placebo bei manchen Patienten wirkt / Wirksame Therapien sollen gezielt verstärkt werden

FRANKFURT/MAIN (nsi). Welche Menschen sind empfänglich für Placeboeffekte? Und wie könnte die Kraft des Placebos künftig gezielt für die Therapie genutzt werden? Das untersuchen derzeit Forscher an der Schmerzklinik der Universität Helsinki.

Bislang haben sie vor allem eine Botschaft: "Vermitteln Sie es Ihren Patienten, wenn Sie überzeugt sind, daß die verordnete Therapie wahrscheinlich hilft! Dann kann nicht nur die Substanz wirken, sondern Sie erzeugen zusätzlich einen optimalen Placeboeffekt", so Professor Eija Kalso beim Schmerzkongreß in Frankfurt / Main.

Die Wirkung von Placebo bedeute allerdings nicht, daß dieses ein Medikament ersetzen könne. "Bei starken Schmerzen etwa erreicht ein Placebo im allgemeinen keine zufriedenstellende Analgesie, die läßt sich nur über aktive Substanzen erzielen", so Kalso zur "Ärzte Zeitung". "Aber man kann den Placeboeffekt zusätzlich nutzen und so unter Umständen Arzneimittel einsparen."

Die Wirkung von Placebo in der Schmerztherapie basiere auf einem komplexen Gefüge biopsychosozialer Effekte: Biologisch ist das endogene Opioidsystem beteiligt, zu den psychologischen Faktoren gehören Erwartungshaltung und klassische Konditionierung und zu den soziokulturellen die Arzt-Patienten-Beziehung. "Die Faktoren wirken zusammen", so Kalso. "Dennoch kann es sinnvoll sein, zu versuchen, jeden einzelnen von ihnen zu stärken".

Was die Schmerzforscherin damit meint, erläuterte sie an ihren eigenen Projekten. Das Team um Kalso hat bei gesunden Probanden große interindividuelle Unterschiede in der Empfänglichkeit für Placeboeffekte von Analgetika nach Schmerzreizen festgestellt. Jene Personen, die gut auf Placebo ansprachen, hatten im Vergleich zu Personen, die schlecht ansprachen, im PET höhere Aktivitäten in Hirnregionen, die mit dem endogenen Opioid-Netzwerk in Verbindung stehen.

Eine andere Arbeitsgruppe habe Korrelationen zwischen bestimmten Genvarianten der Catechyl-O-Methyltransferase und der Empfänglichkeit für Placeboeffekte gefunden. "Wir selbst testen gerade eine Hypothese, wie sich die Empfänglichkeit für Placebo beim einzelnen vorhersagen läßt", sagte Kalso der "Ärzte Zeitung". Den Inhalt der Hypothese wollte sie aber noch nicht verraten.

Die Vorstellung, durch Placebo seien unerwünschte Wirkungen vermeidbar, habe sich nicht generell bestätigt, so Kalso. "Unter Placebo finden sich oft dieselben unerwünschten Effekte wie bei Gabe des Medikaments." Die Zukunft liege darin, die Effekte einer wirksamen Therapie durch Placebo gezielt zu verstärken.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Placeboforschung muß vorankommen

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