Ärzte Zeitung, 17.10.2012

Koppert

"Chronische Schmerzen werden zu spät erkannt"

MANNHEIM (dpa). Bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen gibt es nach Einschätzung von Experten große Defizite in Deutschland.

Im Schnitt dauere es zwei Jahre, bis ein Patient die richtige Diagnose bekomme, sagte der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, Professor Wolfgang Koppert, im Vorfeld des Deutschen Schmerzkongresses (www.schmerzkongress2012.de).

Dann brauche es in der Regel noch einmal zwei Jahre, bis der Patient eine adäquate Therapie bekomme.

Oft werde der Übergang von Schmerz als Symptom zur chronischen Schmerzkrankheit zu spät erkannt.

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[18.10.2012, 16:14:54]
Dr. Walther J. Kirschner 
Chronische Schmerzen - zeitnahe Diagnosestellung, wissenschaftliche Kriterien
Bei der Beurteilung von Schmerzen wird zum Teil sowohl von allgemeinärztlicher, als auch von fachärztlicher Seite - incl. wissenschaftlicher Schmerzgesellschaften - angegeben, es dauere ca. zwei Jahre, bis chronische Schmerzen diagnostiziert seien, und weitere zwei Jahre, bis eine adäquate Therapie erfolge. Zudem werde die Entwicklung einer chronischen Schmerzkrankheit zu spät erkannt.

Solche Aussagen sind aus qualifizierter rationaler allgemein- und fachärztlicher Sicht schwer nachvollziehbar. Schließlich hat jeder Arzt in seiner Ausbildung gelernt, Schmerzen zu diagnostizieren und zu behandeln. Allen Medizinstudenten wird frühzeitig der Unterschied von akuten und chronischen Schmerzen beigebracht, incl. von Spezialitäten wie komplexem regionalen Schmerzsyndrom (früher als M. Sudeck bezeichnet), palliative Schmerztherapie z. B. bei Tumorpatienten u.a., auch werden die Unterschiede von z.B. visceralen Schmerzen und Solchen am Bewegungssystem dargestellt (gelehrt)etc etc.

Approbierte Ärzte erlernen erweiterte Kenntnisse während Ihrer Facharztausbildung zu fachbezogenen Besonderheiten von Schmerzen. Deshalb macht es - bei gegebener fachlicher Spezialisierung - meist keinen Sinn, daß Ärzte anderer Fachgebiete alle Arten von Schmerzen behandeln. Ebenso macht es wenig Sinn, wenn wissenschaftliche Gesellschaften sich für alle unterschiedlichen Schmerzarten als zuständig erklären, obwohl bekannterweise spezielle fachärztliche Kenntnisse erforderlich sind, um fachlich spezifisch zu behandeln. Alles andere entspricht nicht aktuellem medizinischen Wissensstand, ist daher auch ärztlich-ethisch bedenklich.

Die derzeitige Mode und Zeitgeistentwicklung zeigt eine Fülle sich entwickelnder Schmerzgesellschaften/-verbände/-Institutionen und weiterer selbstdefinierter Zuständigkeiten, die objektiv medizinisch nicht nachvollziehbar sind. Konsekutiv sind vielfältige unspezifische nicht wirksame und oft komplikative Schmerztherapieverfahren zu beobachten.

In diesem Zusammenhang ist es nur folgerichtig tragisch, daß angesichts fataler Schmerztherapiekomplikationen (publizierte Todesfälle nach Schmerztherapie in den USA)von "tödlicher Schmerztherapie" gesprochen wird - Quelle: Müller, T., springermedizin.de, 16.10.2012, Meningitis in den USA - Tödliche Schmerztherapie.

Bereits jedem Laien wird schnell verständlich, daß z.B. ein Gynäkologe eher nicht Schmerzen am Auge oder im Ohr behandeln sollte, sondern eher ein Augen- bzw. HNO-Arzt. Auch macht es wenig Sinn, daß z.B. ein Gastroenterologe oder ein Anästhesist Schmerzen am Bewegungssystem behandelt, ebensowenig wäre es sinnvoll, daß z.B ein Urologe Schmerzen bei dermatologischen Patienten behandelt etc. etc.

Eine neue rationale medizinisch-wissenschaftliche Bewertung zu Schmerzdiagnostik und -therapie - unter Berücksichtigung von Ein-/Ausschlußkriterien, Zuständigkeiten, Qualifikationen, Spezifikationen - ist dringlich erforderlich.

Dr. med. Walther Kirschner

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