Medica Aktuell, 18.11.2009

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Hüftgelenksersatz gibt's nicht von der Stange

Von Philipp Grätzel von Grätz

Wer heute eine neue Hüfte braucht, bekommt Maßarbeit. Knochensparende Prothesen, neue Materialien und schonende Eingriffe tragen dazu bei, dass die Prothese möglichst lange hält.

Mit dem, was Medizinstudenten in Lehrbüchern der Orthopädie zum Thema Hüftprothesen finden können, ist Privatdozent Dr. Fritz Thorey von der Klinik für Orthopädie an der Medizinischen Hochschule Hannover nur bedingt einverstanden: "Da steht meist, dass Hüftprothesen etwa 15 Jahre halten und dann gewechselt werden müssen. Diese Zahlen beziehen sich aber auf Prothesen, die vor 20 Jahren im Einsatz waren."

"Ich denke schon, dass wir heute eine bessere Haltbarkeit unterstellen dürfen", sagt Thorey. Moderne Prothesen halten seiner Einschätzung nach gut und gerne dreißig Jahre. Schließlich haben die heute eingesetzten Hüftprothesen mit dem, was noch in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts üblich war, nicht mehr allzu viel gemein.

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Patient mit Hüftprothese. Aluminiumoxid-Keramiken machen solche Prothesen lange haltbar.

Foto: alephnull ©www.fotolia.de

Neue Materialien für Hüftprothesen, knochensparendes Design: Um diese und andere Themen geht es auch bei der Medica, der weltgrößten Medizinmesse mit angeschlossenem Kongress. In der Sitzung "Endoprothetik - Gelenkersatz" beschäftigen sich sechs ausgewiesene Experten mit den wichtigsten aktuellen Entwicklungen in der Hüftgelenks-, aber auch in der Kniegelenksendoprothetik. Geleitet wird die Veranstaltung von Professor Rüdiger Krauspe von der Klinik für Orthopädie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

"Zu den echten Neuheiten in der Hüftgelenksendoprothetik der letzten Jahre zählen neue Materialien für die Gleitflächen", so Krauspe. Lange Zeit war es Standard, den Hüftkopf aus Keramik oder Metall zu bauen, die in den Knochen liegenden Abschnitte der Prothese dagegen aus Polyethylen. Heute würden hier in der Regel Aluminiumoxid-Keramiken verwendet. "Die haben den Vorteil, dass praktisch kein Abrieb auftritt."

Für den Patienten ist das ein wesentlicher Pluspunkt: Der Abrieb des früher verwendeten Polyethylens schadete dem Knochen. Es entstanden Auflockerungen der Knochenhartsubstanz, so genannte Osteolysen, die letztlich die Haltbarkeit der Prothese beeinträchtigten. Mit den neuen Aluminiumoxid-Keramiken gehört dieses Problem der Vergangenheit an, so hoffen zumindest die Orthopäden.

Die zweite wichtige Modifikation, die die Hüftgelenksendoprothesen in den letzten Jahren durchlaufen haben, sind veränderte Größen von Hüftkopf und Prothesenschaft. "Die Prothesen, die wir heute einsetzen, haben in der Regel sehr viel größere Kopfdurchmesser", erläutert Thorey. Wurden früher Hüftköpfe mit Durchmessern von 28 bis 32 Millimetern eingesetzt, gehen Operateure heute hoch bis 46 Millimeter. Bei großen Köpfen ist zum Beispiel der Bewegungsumfang sehr viel größer als bei kleinen Köpfen. Bei den Schäften ist es genau umgekehrt: Kurzschaftprothesen sind wieder deutlich im Kommen, nachdem sie zwischenzeitig wegen schlechterer Haltbarkeit etwas in Verruf geraten waren.

Auch von diesen äußerlichen Veränderungen der Hüftprothesen haben Patienten einen unmittelbaren Nutzen. "Größere Köpfe erhöhen die Lebensqualität, weil die Patienten beweglicher sind. Sie können dadurch aktiver sein und mehr Sport betreiben", weiß Thorey. Und die kurzen Schäfte sind knochensparend und erleichtern damit die Wechseloperation, die gerade bei jungen Patienten trotz langlebigerer Prothesen irgendwann unvermeidlich wird.

Grundsätzlich gilt, dass mögliche Wechseloperationen schon von Anfang an bedacht werden sollten. Je mehr Knochensubstanz bei der ersten Prothesenoperation verbraucht wird, umso schwieriger werden spätere Operationen zum Wechsel der Prothese. Gerade bei jüngeren Patienten, die eine hohe Wahrscheinlichkeit für spätere Wechseloperationen haben, kommen deswegen bei der ersten Operation an der Hüfte zunehmend partielle Prothesen zum Einsatz. Dabei wird nicht das ganze Gelenk, sondern durch Aufsetzen einer "Kappe" nur ein Teil des Hüftkopfs ersetzt. Das sei vor allem dann eine Option, wenn es als Folge eines Unfalls zu Gelenkflächendefekten kommt, so Krauspe.

Ein anderes gelenkschonendes Verfahren ist durch die moderne Endoprothetik mittlerweile deutlich zurückgedrängt worden, nämlich die so genannte Umstellungsosteotomie. Bei dieser Operation wird das Hüftgelenk in Ruhe gelassen. Nur die Stellung des Hüftkopfs in der Hüftpfanne wird modifiziert. Das geschieht, indem Teile des gelenknahen Knochens entfernt werden. "Wir empfehlen das Verfahren heute fast nur noch bei starken Fehlstellungen", sagt Thorey.

Das wundert nicht: Während Patienten mit einer Hüftprothese ihr Bein heute teilweise sofort wieder belasten können, muss das betreffende Bein nach einer Umstellungsosteotomie für mehrere Monate immobilisiert werden. Ein solches Martyrium macht heute kaum noch jemand mit, wie die Zahlen belegen. So werden an Thoreys Klinik in Hannover mittlerweile pro Jahr etwa 1500 Hüftgelenksendoprothesen eingesetzt, aber nur etwa 50 Umstellungsosteotomien gemacht. "Vor zwanzig Jahren war dieses Verhältnis noch fast umgekehrt", berichtet Thorey.

Veranstaltung 133

Endoprothetik - Gelenkersatz
In German

Mittwoch 18.11.09
14.30 bis 17.30 Uhr
CCD Pavillon, 1.OG

Leitung: Professor Rüdiger Krauspe, Düsseldorf

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