Ärzte Zeitung, 05.12.2005

Mancher Hüftschmerz klärt sich erst durch Arthroskopie

Freie Gelenkkörper werden beim Röntgen oft nicht erkannt / Auch bei Inkongruenz von Hüftkopf und Pfanne hilft Gelenkspiegelung

FRANKFURT/MAIN. Bei der Diagnostik von Hüftbeschwerden liegt nach Ansicht des Orthopäden Dr. Michael Dienst aus Homburg/Saar noch vieles im Argen. Seiner Ansicht nach wird man mit der Hüftarthroskopie viele Erkrankungen dieses Gelenkes künftig besser verstehen können und die Betroffenen auch besser behandeln können. Das gelte für Knorpelverletzungen, Risse der knorpeligen Pfannenrandlippe (Labrum), Bänderrisse oder die Entfernung freier Knorpel- und Schleimhautkörper.

Hüftarthroskopien, wie hier zu sehen, werden in europäischen Kliniken noch selten gemacht. Foto: Dr. Michael Dienst

Von Thomas Meissner

"Die Hüfte ist noch immer ein Gelenk, das vielfach nicht verstanden wird", sagte Dienst beim Kongreß der Deutschsprachigen Arbeitsgemeinschaft für Arthroskopie (AGA) in Frankfurt am Main. So werde die synoviale Chondromatose, die zur Bildung freier Gelenkkörper führt, oft verkannt, obwohl bei gezielter Suche auf dem Röntgenbild dann doch freie Körper zu sehen seien.

Viele Patienten haben Schmerzen in der Leiste

"Manches Problem klärt sich erst, wenn das Gelenk arthroskopiert wird", sagte der Orthopäde zur "Ärzte Zeitung". Klinisch beschreiben die Patienten ein "Wegknicken" oder "Weggehen" der Hüfte (Giving-way-Phänomen) sowie Schmerzen bei Verdrehbewegungen, etwa beim Einsteigen ins Auto. Einklemmungserscheinungen seien dagegen relativ selten. Die Schmerzen werden meist in der Leiste empfunden, teilweise mit Ausstrahlung in den vorderen Oberschenkel.

Sehr viel häufiger sei jedoch eine noch weithin unbekannte Diagnose, das Impingement-Syndrom der Hüfte, einer Inkongruenz von Hüftkopf und Pfanne. Betroffen sind vorwiegend Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die über zunehmende Schmerzen in der Leiste oder bei starker Hüftbeugung sowie über abnehmende Beweglichkeit im Gelenk klagen. Die Innenrotation nimmt ab. Auf dem Röntgenbild ist oft kein krankhafter Befund zu erkennen.

Minimal-invasive Korrektur des fehlgebildeten Hüftkopfes

Die Ursachen dieser Beschwerden liegen oft im Kindesalter, nämlich bei einem Abrutschen des Hüftkopfkappe nach hinten und innen aufgrund einer Epiphysiolyse. Es resultiert eine Fehlform des Hüftkopfes, was sekundär den Pfannenknorpel schädigt. Die Form des Hüftkopfes läßt sich nach Diensts Angaben neuerdings arthroskopisch mit Hilfe spezieller Fräsen korrigieren. Durch zusätzliches Einschneiden der meist verdickten und verengten Gelenkkapsel verbessert sich die Beweglichkeit.

Die Hüftarthroskopie ist eine junge Diagnose- und Therapieoption, die in Europa noch nicht weit verbreitet ist. Das Verfahren ist technisch anspruchsvoll, weil das Gelenk sehr tief unter den Weichteilen und in einer straffen Gelenkkapsel liegt. Zudem sei die Orientierung in dem Kugelgelenk anfangs nicht ganz einfach, meint Dienst, der nach eigenen Angaben etwa 70 bis 80 Hüftarthroskopien im Jahr vornimmt.

Um den Gelenkspalt etwa auf einen Zentimeter zu weiten, wird intraoperativ mit einer Vorrichtung am Bein gezogen. Die Komplikationsrate ist nach Diensts Erfahrungen gering. Bei etwa 250 Hüftarthroskopien in den vergangenen acht Jahren hatten vier Patienten Hautsensibilitätsstörungen im Bereich der vier bis fünf kleinen Zugänge am Oberschenkel, bei einer Patientin sei es temporär zur Fußheberschwäche gekommen, offenbar aufgrund einer Ischiadicus-Überdehnung. Infektionen seien keine aufgetreten, wie der Orthopäde weiter berichtet hat.

Nicht geeignet ist die Hüftarthroskopie allerdings für Patienten mit fortgeschrittenem Knorpelschaden, weil dann das Hüftgelenk schlecht beweglich ist. Außerdem kommt man bei diesen Patienten kaum mit den Instrumentarien in das Gelenk hinein, und man kann auch operativ auf diese Weise wenig verbessern.

FAZIT

Die Hüftarthroskopie könnte künftig zu einer wichtigen Diagnose- und Therapieoption bei jungen Patienten sowie bei Patienten mittleren Alters werden. Veränderungen, bei denen derzeit noch häufig offen operiert wird, könnten dann auch minimal-invasiv korrigiert werden. Es gibt erste, positive Ergebnisse hierzu.

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