Ärzte Zeitung, 23.11.2006

Hohe Kosten durch muskuloskelettale Erkrankungen

Jeder dritte Patient beim Hausarzt hat eine chronische Erkrankung der Muskeln oder des Skeletts

BERLIN (gvg). Jeder dritte Patient bei Allgemeinmedizinern hat eine muskuloskelettale Erkrankung. In der medizinischen Ausbildung dagegen kommen diese Erkrankungen mit einem Anteil von vier Prozent reichlich kurz.

Patient mit Rückenschmerzen. In Deutschland hängt jede vierte Frühberentung mit einer muskuloskelettalen Erkrankung zusammen. Foto: Comstock

Auf dem Kongreß für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin präsentierte Dr. Karsten Dreinhöfer aus Ulm neue Zahlen zur Versorgungslage bei muskuloskelettalen Erkrankungen. Die aus Klinikstatistiken, Krankenkassenunterlagen und direkten Befragungen von Ärzten und Patienten gewonnenen Daten werden in der nächsten Ausgabe der Gesundheitsberichterstattung des Bundes publiziert.

"Fast 80 Prozent der Erwachsenen berichten auf Nachfrage, in den zwölf Monaten zuvor zumindest einmal Schmerzen am Bewegungsapparat gehabt zu haben", so Dreinhöfer. Allein 1,3 Millionen Krankenhausbehandlungen gehen auf das Konto muskuloskelettaler Beschwerden, ein Anteil von etwa einem Fünftel aller Klinikaufenthalte.

Noch größere Bedeutung hätten Erkrankungen des Bewegungsapparats im niedergelassenen Sektor, so Dreinhöfer. 37 Prozent aller Patienten von Allgemeinmedizinern und 31 Prozent aller Patienten von Internisten haben eine chronische muskuloskelettale Erkrankung. Jenseits des 70. Lebensjahrs steigt die Quote exponentiell an.

Das schlage sich auch in den Kosten für das Gesundheitswesen nieder, unterstrich Dreinhöfer. So entfielen fast die Hälfte aller in Deutschland für die Rehabilitation aufgebrachten Mittel auf muskuloskelettale Erkrankungen. Auch jede vierte Frühberentung kommt aus diesem Segment der Medizin. Umgerechnet auf die Gesamtkosten des Gesundheitswesens für Krankenkassen und Rentenversicherungsträger entfallen Dreinhöfers Zahlen zufolge 16 Prozent der Mittel oder 35 Milliarden Euro pro Jahr auf orthopädische, unfallchirurgische und rheumatologische Erkrankungen.

"Bei diesen Zahlen stellt sich die Frage, ob unsere Ärzte dafür angemessen ausgebildet werden", so Dreinhöfer. Er ist skeptisch: Mit einem Anteil von jeweils nur rund vier Prozent an der Vorlesungs- und Praktikazeit rangiere die Orthopädie ganz unten in der Liste der im Studium gelehrten Fächer.

STICHWORT

Muskuloskelett

Erkrankungen der Muskeln und des Skeletts nehmen in ihrer ökonomischen Bedeutung zu. Das liegt zum einen an der steigenden Lebenserwartung und zum anderen an der demographischer Entwicklung. Allein von Arthrose und Osteoporose sind 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung betroffen. 40 Prozent aller Arbeitsunfähigkeiten und Rehabilitationen gehen auf muskuloskelettale Erkrankungen zurück. (eb)

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