Ärzte Zeitung online, 28.12.2012

Kletterzone Großstadt

Riskanter Trendsport Parkour?

Parkour ist ein noch junger Trendsport. Über Internetforen und soziale Netzwerke sind jetzt Informationen über das Verletzungsrisiko dabei gesammelt worden.

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Akrobatik in der Großstadt.

© Mario Webhofer / fotolia.com

BERLIN. Der Trendsport Parkour ist zwar mit einem hohen Risikopotenzial für Verletzungen behaftet, eine Risikosportart ist es aber offensichtlich nicht. Leichte Verletzungen dominieren. Ein Grund dafür ist wahrscheinlich die Vorerfahrung vieler Läufer aus anderen Sportarten.

Bei Parkour wird die Großstadt zur Kletterzone, die Mülltonne, die Mauer oder der Abstand zwischen zwei Hausdächern vom Hindernis zum Weg des "Traceur" (frz.: der den Weg ebnet).

Es geht darum, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen, und zwar mit Körperbeherrschung und Akrobatik. Die Sportart kommt aus Frankreich und wird weltweit immer beliebter.

Im James-Bond-Film "Casino Royale" gibt es eine spektakuläre Verfolgungsjagd im Parkour-Stil; seitdem hat der Bekanntheitsgrad der Sportart noch einmal deutlich zugenommen.

Vor allem Prellungen und Schnittverletzungen

Besonders die Sprünge und Landungen aus großer Höhe in Verbindung mit Leichtsinn und Selbstüberschätzung der meist männlichen Sportler können theoretisch schwere knöcherne und Bandverletzungen verursachen. Dies scheint jedoch eher selten der Fall zu sein.

Es dominierten Prellungen und Schnittverletzungen an den unteren und oberen Extremitäten, berichtete Dr. Kai Fehske vom Universitätsklinikum Würzburg bei einer Veranstaltung in Berlin.

Fehske und seine Kollegen haben über Internetforen und soziale Netzwerke Kinder und Jugendliche für eine Studie rekrutiert und mit Hilfe eines Online-Fragebogens Informationen über die Sportart und das Verletzungsrisiko gesammelt.

Mehr als 500 Fragebögen waren vollständig ausgefüllt worden, zu 92 Prozent von Jungen und jungen Männern im Durchschnittsalter von 20 Jahren. Hauptausrüstungsgegenstand sind Lauf- oder Kampfsportschuhe. Protektoren oder Handschuhe werden meist abgelehnt, nicht wenige üben den Sport barfuß aus.

Über innere Verletzungen wird selten berichtet

Vergleichsweise häufig sind Distorsionen, Schnittverletzungen und Bänderdehnungen an Beinen und Armen. Luxationen, Frakturen oder gar innere Verletzungen sind, zumindest nach Angaben der Studienteilnehmer, selten.

30 Prozent berichten über keinerlei Ausfallzeiten aufgrund von Verletzungen, die Hälfte der Befragten über Ausfallzeiten von bis zu 14 Tagen, 4 Prozent über drei Monate und länger.

Immerhin führten etwa 40 Prozent der Verletzungen zu Arztkonsultationen, 7 Prozent mussten chirurgisch versorgt werden.

Die meisten der Befragten hatten gerade erst mit Parkour angefangen oder betrieben den Trendsport seit ein bis drei Jahren, eine Minderheit seit fünf Jahren oder länger. Dies sei angesichts der jungen Sportart nicht erstaunlich, so Fehske.

Viele haben Vorerfahrungen aus dem Turnen oder aus Kampfsportarten, was sich günstig auf das Verletzungsrisiko auswirken könnte.

Die Würzburger Unfallchirurgen wollen allerdings nicht ausschließen, dass die retrospektive Analyse Sportler mit schweren Verletzungen nicht ausreichend erfasst hat. Derzeit läuft eine europaweite prospektive Studie, die mehr Aufschluss über Verletzungsraten und Überlastungsschäden geben soll. (ner)

[29.12.2012, 14:08:50]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Sport ist Mord?
Würzburger Unfallchirurgen haben vorbildlich eine Studie zu Verletzungs- und Krankheitsrisiken der neuen Trendsportart "Parc(k)our" initiiert. Im Gegensatz zum eher organisierten Klettertrend mit Seilsicherung (Kletterhallen, abgesperrtes Freigelände) und dem alpinen "Mountaineering", sind Parkour-Aktionen häufiger spontan und ungesichert bzw. finden in der Unübersichtlichkeit der Metropolen statt. Spektakulär (bitte n i c h t nachmachen!) auf den Dächern und im Häusergewirr Istanbuls im Intro des neuesten James-Bond-Films "Skyfall" zu besichtigen.

Retrospektive Fragebogen-Analysen erfassen allerdings schwere Verletzungen nicht ausreichend und Mortalitätsrisiken gar nicht. Die USA-TV-Serie "Scarred" (engl. 'narbig'; "scar"=Narbe und "scared"=verstört) beim Fernsehsender VIVA ist auch so etwas wie eine ex-post-Analyse von Hochrisikosportarten mit traumatologisch-chirurgischer Röntgenbild-, OP-Verlaufs- und Handicap-Analyse.

Bei der europaweiten prospektiven Studie zu Parkour-Risiken muss berücksichtigt werden, dass anamnestische Angaben allein aus versicherungsrechtlichen Gründen manipuliert werden, weil in vielen Ländern Kranken- und Unfallversicherungen bei grober Fahrlässigkeit nicht zahlen.

Todesrisiken bei Trendsportarten werden allzu oft unter den Tisch gekehrt. Allein unter meinen Praxispatienten gab es einen tödlichen Snowboard-Unfall bei einem 19-Jährigen und einen beinahe tödlichen bei einem Älteren. Zwei tödlich endende Fallschirmsprünge von Frauen, davon einer als 1. Alleinsprung, waren die traurige Bilanz bei dieser Sportart.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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