Ärzte Zeitung, 30.07.2014

Enger Spinalkanal

Injektion von Steroiden nutzlos?

Neue Studien zur Therapie bei Spinalkanalstenose legen nahe: Die epidurale Infiltration mit Steroiden und Lidocain nützt nicht mehr als Lidocain alleine. Und: Eine Op bringt bessere funktionelle Ergebnisse als eine reine Pharmakotherapie.

Von Beate Schumacher und Elke Oberhofer

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Bei Verdacht auf eine Spinalkanalstenose hilft eine MRT-Untersuchung weiter.

© Benjamin Haas / fotolia.com

SEATTLE/SEOUL. Bei degenerativen Verengungen des Wirbelkanals wird oft ein Therapieversuch mit Kortikosteroid-Injektionen unternommen. Das Steroid, so die Vorstellung, lindert die Schmerzen, indem es Schwellung und Entzündung um komprimierte Spinalnerven zum Abklingen bringt. Wissenschaftlich gut untersucht war das Verfahren bislang allerdings nicht.

Nun liegt erstmals eine kontrollierte randomisierte Doppelblindstudie vor - und die wissenschaftliche Basis für Glukokortikoid-Injektionen ist damit dünner als je zuvor.

"Bei der Behandlung von Spinalstenosen bietet die epidurale Injektion von Glukokortikoiden plus Lidocain einen minimalen oder keinen kurzfristigen Vorteil gegenüber einer alleinigen Lidocain-Injektion", fassen die Studienautoren um Janna L. Friedly von der University of Washington in Seattle das Ergebnis zusammen.

An der Multicenterstudie waren 400 Patienten mit degenerativ bedingter Spinalstenose der Lendenwirbelsäule beteiligt. Jeweils 200 erhielten ein Glukokortikoid plus Lidocain bzw. nur Lidocain, injiziert wurde unter fluoroskopischer Kontrolle, entweder transforaminal oder interlaminär (N Engl J Med 2014; 371: 11-21)

Nach sechs Wochen hatten sich körperliche Behinderung und Beinschmerzen in beiden Gruppen gebessert. Der Punktwert im RolandMorris Disability Questionnaire (RMDQ)-Score (0-24 Punkte) war mit einem Steroid um 4,2 (auf 11,8) und ohne Kortikosteroid um 3,1 (auf 12,5) Punkte zurückgegangen.

Der Unterschied zwischen den Gruppen war ebenso wenig signifikant wie bei den Schmerzen. Letztere hatten auf einer numerischen Rating-Skala von 0-10 um 2,8 (auf 4,4) bzw. um 2,6 (auf 4,6) Punkte abgenommen.

Ein eindeutiger, wenn auch kleiner Vorteil der Kortikosteroid-Infiltration war erst dann zu erkennen, als die Studienautoren nachträglich eine Adjustierung für die Dauer der vorbestehenden Schmerzen vornahmen: Der RMDQ-Score lag dann um 1,2 Punkte niedriger als mit Lidocain allein.

Sturzprophylaxe durch Operation

Ob für die Injektionen ein interlaminärer oder ein transforaminaler Zugang gewählt wurde, änderte nichts an der Vergleichbarkeit von Injektionen mit und ohne Kortikosteroid.

Unerwünschte Effekte wurden in der Steroidgruppe häufiger registriert (29 vs. 17 Prozent). Auch die morgendlichen Serumcortisol-Spiegel unterschritten hier öfter den Normwert als in der Lidocaingruppe.

In einem begleitenden Kommentar plädiert Gunnar B. J. Andersson von der Universität Chicago daher für einen zurückhaltenden Umgang mit Kortikosteroid-Injektionen bei Spinalkanalstenosen. "Die Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass die besten derzeit verfügbaren Daten nicht für einen klinisch signifikanten Nutzen sprechen und dass Komplikationen auftreten können."

Eine weitere Studie zur optimalen Therapie bei Spinalkanalstenose hat ergeben, dass Betroffene möglicherweise besser vor Stürzen geschützt sind, wenn sie sich einer Dekompressions-Op unterziehen.

In der koreanischen Studie mit 126 Teilnehmern war der Eingriff mit besseren Funktionswerten verknüpft als eine reine Pharmakotherapie: Die Ergebnisse bei Geh- und Balance-Übungen ein Jahr nach der Op hatten sich teilweise deutlich verbessert - und zwar vor allem in der Gruppe mit chirurgischer Dekompression (mit oder ohne posterolaterale Fusion) (J Bone Joint Surg Am 2014; 96(13): e110).

Die Werte in einer Vergleichsgruppe, die nur oral mit Celecoxib und dem Prostaglandin-Analogon Limaprost behandelt wurde, waren deutlich schlechter.

Unterschiedliche Ausgangswerte, das relativ kurze Follow-up sowie das Fehlen klarer Grenzwerte bei den Tests schränkten die Aussagekraft der Studie ein, so die Studienautoren.

Im Resümee sprechen sie sich dennoch für die operative Methode aus: Diese habe sowohl Gehfähigkeit als auch die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten, deutlicher verbessert als die medikamentöse Therapie.

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