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Ärzte Zeitung, 20.10.2015

Im Alter

Weniger Muskelmasse verlieren dank Eiweiß

Mit dem Alter sinkt der Energiebedarf, doch die Zufuhrempfehlungen für die meisten Nährstoffe bleiben weitgehend gleich. Besonders werden Proteine gebraucht - um dem Muskelschwund entgegenzuwirken.

Von Thomas Meißner

Weniger Muskelmasse verlieren dank Eiweiß

Eiweißreiche Kost ist vor allem im Alter sehr wichtig.

© photos.com

OLDENBURG. Viele Senioren nehmen unzureichend Proteine zu sich. Dabei benötigen sie mehr als gesunde Erwachsene mittleren Alters. Dieser erhöhte Proteinbedarf hängt vermutlich mit chronischen und akuten Krankheiten zusammen, so die Geriater Dr. Rebecca Diekmann und Privatdozent Jürgen M. Bauer von der Universitätsklinik Oldenburg (DMW 2014; 139: 239-242).

Zugleich ist die Proteinverwertung altersbedingt reduziert, deren anaboler Effekt vermindert.

Nehmen dagegen ältere Menschen vergleichsweise hohe Proteinmengen zu sich, so ist deren Verlust an Muskelmasse geringer ausgeprägt als bei Aufnahme unzureichender Proteinmengen. Und dies geht einher mit einer im Vergleich besseren körperlichen Funktionalität.

Aus entsprechenden Studien wird gefolgert, dass die einheitliche Empfehlung einer Proteinzufuhr von 0,8 g/kg Körpergewicht (KG) pro Tag für Erwachsene bei Senioren nicht ausreichend ist.

Zwar ernähren sich die Deutschen insgesamt recht proteinreich. Laut Nationaler Verzehrstudie aus dem Jahre 2008 muss dennoch bei etwa 15 Prozent der Senioren von einer unzureichenden Proteinzufuhr ausgegangen werden.

Vorsicht bei Nierenkranken!

Über 65-Jährigen wird zum Erhalt der fettfreien Körpermasse und Muskelfunktion eine Proteinzufuhr von 1,0 bis 1,2 g/kg KG täglich empfohlen, bei körperlicher Aktivität und Training eher mehr als 1,2 g/kg KG.

So können 20 g Supplement in Verbindung mit dem Training eingenommen werden, so Professor Dorothee Volkert vom Institut für Biomedizin des Alterns in Nürnberg mit Verweis auf Empfehlungen einer internationalen Arbeitsgruppe von Geriatern. Bei schwerer Krankheit und ausgeprägter Mangelernährung würden unter Umständen sogar bis zu 2,0 g/kg KG täglich notwendig sein (Aktuel Ernährungsmed 2015, 40, Suppl 1: S32-S35).

"Viel hilft viel" gilt aber nicht: Bei einer Zufuhr von über 1,5 g/kg KG trete offenbar ein Ceiling-Effekt hinsichtlich der Muskelproteinsynthese ein, so Diekmann und Bauer. Zudem könnte ein Zuviel an Protein in der Nahrung sättigungsbedingt eine ausreichende Energiezufuhr gefährden.

Zu beachten ist auch die mit dem Alter abnehmende Nierenfunktion. Nicht dialysepflichtigen Nierenkranken werden täglich 0,6 bis 0,8 g/kg KG Protein empfohlen, bei manifester Sarkopenie gegebenenfalls etwas mehr.

Dialysepflichtige Nierenpatienten sollen etwa 1,2 g/kg KG täglich erhalten, um den dialyseinduzierten katabolen Effekt zu kompensieren. Inwiefern es günstig ist, die Proteinmenge gleichmäßig über den Tag zu verteilen oder eher eine Hauptproteinmahlzeit, etwa mittags, einzunehmen, ist unter Experten noch nicht ausdiskutiert.

Um die Verwertung konsumierten Proteins zu verbessern, ist die Verbindung mit körperlicher Aktivität günstig, weil Bewegung den anabolen Effekt von Insulin und Aminosäuren auf die Proteinbiosynthese verstärkt. Zudem werden "schnelle" und "langsame" Proteine unterschieden.

So stimuliert das "schnelle" Molkeprotein die postprandiale Muskelproteinsynthese besser als etwa Kasein. Dies scheint unter anderem etwas mit dem vergleichsweise höheren Anteil an der proteinogenen Aminosäure Leucin zu tun zu haben.

Primär pflanzliche Lebensmittel

Wenngleich natürlich individuelle Bedürfnisse und Wünsche im Vordergrund stehen, empfiehlt Volkert für die Zusammenstellung des Speiseplans, sich an mediterranen Ernährungsgewohnheiten zu orientieren: Drei Viertel der Nahrung sollen pflanzliche Lebensmittel sein, also Getreideprodukte, Obst und Gemüse.

Hinzu kommen Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Eier. Die Fette sollten ebenso überwiegend pflanzlicher Herkunft sein. Bei erhöhtem Nahrungsbedarf stehen Trinknahrungen zur Verfügung, weitere Ernährungsinterventionen werden mit Sondennahrung und parenteraler Ernährung ermöglicht.

Vor allem aber gilt: Um vorbeugend tätig zu werden, müssen Essprobleme bei alten Menschen früh erkannt werden. Warnsignale sind laut Volket geringe Essmengen, einseitige Lebensmittelauswahl sowie Appetit- und Gewichtsverlust. "Ideal wäre ein Routine-Screening auf Mangelernährung beim Hausarzt oder bei der Aufnahme in einer Klinik."

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