Ärzte Zeitung, 01.03.2004

Ein Wasser gegen die Pest und Zähne des Narwals für die Alchimisten

Apotheken aus dem 18. Jahrhundert in Rom / Alchimie-Labor und Kulturzentrum

Von Manfred Poser

Der kluge Stauferkaiser Friedrich II. war es, der mit seinen "Constitutiones" 1231 erstmals dem Arzt den Apotheker an die Seite stellte. "Stationes" hießen die ersten Apotheken, später dann "Spezieria" oder "Bottega". In Rom kann man einige dieser alten Apotheken besichtigen - zum Beispiel die Apotheke von Santa Maria della Scala aus dem Jahr 1650 oder die Rekonstruktion eines Alchimie-Labors und einer Apotheke des 18. Jahrhunderts im Museum für Medizingeschichte der Universität La Sapienza.

Regale voller Speziali: Gewichte, Gläser, Tiegel und Gefäße in einer Apotheke aus dem 18. Jahrhundert.

Zu der Zeit, als Friedrich II. von Sizilien aus über sein Kaiserreich herrschte und auch Apulien eroberte, war die Verarbeitung der Substanzen kein Kinderspiel mehr. Ärzte vertrauten dies ihren Schülern oder Hilfskräften an, die die "Speziali" (eigentlich: Gewürze) zu handhaben hatten. Als erstes Handbuch konnten diese das "Antidotarium Nicolai" aus Salerno benutzen, die erste Sammlung von Rezepturen. Im 14. Jahrhundert wurde die Spezerei oder "Bottega dello Speziale" dann zur öffentlichen Einrichtung. Man weiß nicht, ob die ersten Apotheken in Italien standen; jedenfalls erreichten sie dort ein Niveau, das für andere Länder modellhaft wurde.

Rezepte gab es mündlich: Papier war damals zu teuer

In der Frühzeit war der Arzt Dauergast in der Apotheke, wie man auf alten Gemälden sieht: Er entnimmt einem Patienten Urin oder weist mit der Hand oder einem Stab auf einen Behälter hin, dessen Inhalt Heilung bringen soll. "Die Rezepte gab er mündlich", erzählt Chiara Serarcangeli, Leiterin des Museums für Medizingeschichte an der Uni La Sapienza, "denn Papier war eine Kostbarkeit und recht teuer."

Magisches Stilleben: Das Alchimisten-Labor im römischen Museum für Medizingeschichte. Fotos (2): mp

Im Erdgeschoß des Museums stößt man auf ein dunkles Zimmer: die Nachbildung eines Alchimisten-Labors aus dem 17. Jahrhundert mit Blasebalg, Feuerstelle, Gefäßen, rätselhaften Zeichen auf einer Tafel (Vitriol oder Schwefel) und dem Totenkopf. Die Alchimie faßte im 12. Jahrhundert Fuß; die als bärtige, in lange Mäntel gehüllte Männer dargestellten Alchimisten (chyma, griechisch für binden, verschmelzen) hielten ihre Arbeit geheim. Um den Stein der Weisen ging es, aber auch um Gold. Zu ihrer Arbeit gehörten ausgestopfte Tiere, die symbolischen Wert besaßen: das Krokodil, das Maul des Sägezahnfischs, Zähne des Narwals oder getrocknete Kröten.

In der frühen Apotheke des 14. Jahrhunderts konnte man auch Tinte kaufen, Seile, Nägel und Kerzen. Der Apotheker war zum Kaufmann geworden und auch in seinem Laden anzutreffen - im Gegenteil zum Arzt, der damals schwer aufzutreiben war. Dieser hatte jedoch den Apotheker unter Kontrolle.

Der Buchdruck, die Werke des Paracelsus und die Entdeckung Amerikas (Chinin, Tabak, Pfeffer, Kaffee, Kakao) hatten großen Einfluß auf die Pharmazie. Bald traf man sich in der Apotheke, um Bücher zu konsultieren und zu diskutierten - der Ort wurde zu einem kleinen Kulturzentrum.

Neben der Alchemie ist im Museum auch eine Apotheke des 18. Jahrhundert dargestellt - mit dem üblichen Tresen, den großen Behältern sowie der Waage als unentbehrlichem Requisit. Sehenswert sind auch die wunderbaren Gefäße aus Majolita, die bald die einfachen Holzbehälter abgelöst hatten. Der Apotheker des 18. Jahrhunderts stand in seiner "nobile Bottega" schon mit einem Fuß in der Neuzeit.

Orden hatten früher eigene Apotheken

Im Jahr 1612 entstand die Apotheke Santa Maria Novella in Florenz und um 1650 diejenige der barfüßigen Karmeliter von Santa Maria della Scala im römischen Stadtteil Trastevere. Auch andere Orden hatten in Rom Apotheken: die Franziskaner beispielsweise, aber auch die Jesuiten. Doch Santa Maria della Scala lag dem Vatikan am nächsten und versorgte so Päpste und Kardinäle über 200 Jahre lang mit Medikamenten. Die Mönche studierten damals intensiv die Wirkung von Kräutern, die sie in ihren Gärten anbauten. Fra Basilio fand ein "Aqua antipestilenziale", ein Wasser gegen die Pest, das geholfen haben soll.

Die älteste Apotheke Roms war noch bis 1968 in Betrieb

Santa Maria della Scala ist die älteste noch erhaltene Apotheke Roms und war noch bis 1968 in Betrieb. Besuche sind in Gruppen nach Vereinbarung möglich. Über dem in die Augen fallenden Glasschrank mit Stoffen steht das Spruchband: "Altimissimus de terra creavit medicamenta ..." - "Der Herr hat die Medikamente geschaffen, der Mensch wird nicht vor ihnen zurück schrecken." Hausherr Pater Rocco ist stolz, beklagt sich aber, die Räume verfielen; man müsse sie unbedingt zum Museum machen, doch der Staat stelle sich taub.

Das Museum für Geschichte der Medizin, Viale dell'Università 34/a in Rom (vom Bahnhof Termini 10 Minuten zu Fuß) ist montags bis freitags von 9.30 bis 13.30 Uhr geöffnet. Im ersten Stock eine große Sammlung zur Medizin.

Die Apotheke Santa Maria della Scala, Piazza della Scala, ist meist nur einmal im Monat geöffnet Kontakt: Pater Rocco, Tel. (0039)06.42740571. Sehenswert auch die angrenzende Kirche der barfüßigen Karmeliter mit Reliquie der heiligen Theresa von Avila, ausgehendes 16. Jahrhundert.

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