Ärzte Zeitung, 19.03.2004

HINTERGRUND

Verwundet, verstümmelt, traumatisiert - über 13 000 US-Soldaten kämpfen mit den Folgen des Irak-Kriegs

Ein verletzter GI wird auf der US-Air-Base in Ramstein zu einem Krankentransporter getragen. Er soll im US-Krankenhaus Landstuhl behandelt werden. Foto: dpa

Von Gabriele Chwallek

Sergeant Ryan Kelly wollte immer Feuerwehrmann werden. Als Reservist wurde er dann in den Irak-Krieg geschickt. Ein Jahr nach Beginn der US-Invasion will Kelly immer noch zur Feuerwehr. Aber es ist schwieriger geworden für ihn: Wie soll man einen Brand bekämpfen können, wenn man nur ein Bein hat?

Der 24jährige verlor sein Bein im Juli vergangenen Jahres nahe Bagdad durch eine Bombe, die am Straßenrand explodierte. Kelly trägt jetzt eine Prothese. Für ihn geht es nicht mehr darum, "alles zu sein, was du kannst", wie es ein alter Rekrutierungsslogan der US-Army besagt. Sein Ziel ist es, möglichst zu sein, was er einmal war.

Soldaten versuchen an ihr früheres Leben anzuknüpfen

Kelly ist kein Einzelschicksal. Für viele der aus dem Irak-Krieg heimgekehrten US-Soldaten ist der Kampf längst nicht vorbei. Es ist eine andere Art von Gefecht, still und ohne Schlagzeilen. Verwundet, verstümmelt, traumatisiert versuchen sie, an ihr früheres Leben anzuknüpfen oder sich ein neues aufzubauen.

Mehr als 2800 US-Soldaten sind seit dem Kriegsbeginn im Irak durch "feindliche Aktionen" verletzt worden, wie es im Kriegsjargon heißt, außerdem 430 durch Unfälle. Weitere 10 000 GIs wurden nach Pentagon- Angaben aus anderen gesundheitlichen Gründen nach Hause geflogen. Die meisten von ihnen wohl wegen psychischer Probleme, wird in den US-amerikanischen Medien spekuliert. Über die Zahl der Kriegsheimkehrer mit solchen unsichtbaren Wunden gibt es keine Statistiken.

Die Heimkehr der verletzten Soldaten erfolgt - wie die der bisher etwa 560 Toten - leise, meistens nachts, ohne Paraden oder Fähnchen. "Unsere Verwundeten werden heimlich zurückgebracht, nach Mitternacht, damit Pressevertreter sie nicht sehen können", beklagte auch der demokratische Senator Patrick Leahy. Das Pentagon widerspricht indessen energisch. Es gehe um den Schutz der Privatsphäre und nicht darum, die Öffentlichkeit und das Militär nicht zu demoralisieren.

Für die Schwerverletzten führt der Weg in der Regel zunächst ins US-Militärhospital im süddeutschen Landstuhl, anschließend meistens ins Walter-Reed-Krankenhaus nach Washington. Hier werden auch die Verstümmelten behandelt, darunter Dutzende von Soldaten, denen Gliedmaßen - in manchen Fällen gleich mehrere - amputiert werden mußten. Im Durchschnitt dauert der Aufenthalt im Klinikzentrum sechs Monate - von den ersten Operationen bis zum Rehabilitationstraining nach dem Anpassen von Prothesen.

Die Verwundeten des Kriegs sind meist jünger als 30 Jahre

Schon seit dem Ersten Weltkrieg werden in dem Washingtoner Hospital Verwundete behandelt, aber seit dem Vietnam-Krieg waren es meistens ältere Veteranen, welche die Krankenstuben füllten. Dieses Bild hat sich drastisch gewandelt: Die Verwundeten des Irak-Krieges sind jung, die meisten erst in den Zwanzigern.

Viele von ihnen hätten vor Jahren nicht überlebt. Moderne Kevlar-Westen und -Helme bieten verbesserten Schutz vor Handfeuerwaffen, das heißt, für die inneren Organe und den Kopf. Aber die Extremitäten bleiben ungeschützt. Und daher betreffen laut "Time" zwei von drei Verletzungen auch die Gliedmaßen.

Selbstgebastelte Waffen zielen darauf ab zu verstümmeln

Etwa 100 US-Soldaten haben nach Angaben des Magazins Arme, Beine, Hände oder Füße verloren. Die Schwere der Verletzungen vieler der Betroffenen wird vom US-Militär auf die Art der Waffen zurückgeführt, die von der irakischen Opposition eingesetzt wurden und werden: oft selbst gebastelt und "genau darauf abzielend zu verstümmeln", wie ein Armeearzt sagt.

Kelly ist aus dem Hospital nach Hause zurückgekehrt. Wie er werden viele, die durch den Krieg und die Besatzung zu Behinderten wurden, gefragt, ob sie verbittert seien, ob der Sturz Saddam Husseins "die Sache wert war". In den Medien werden die meisten mit den Worten zitiert, sie hätten getan, was ihr Auftrag war.

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