Ärzte Zeitung, 07.12.2004

Leibarzt von Hitlers Stellvertreter starb unterm Fallbeil

"Mein Jahr als Mörder" - Friedrich Christian Delius liest aus seinem Roman über den Arzt Georg Groscurth

Von Anno Fricke

"Nein", sagt Friedrich Christian Delius. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Romans "Mein Jahr als Mörder" sei zufällig und nicht in einem Zusammenhang zur Gegenwart gewählt.

Das in diesem Herbst erschienene Buch über das Schicksal der Berliner Ärzte Anneliese und Georg Groscurth im Dritten Reich und danach kommt dennoch zur rechten Zeit. Gerade erst beginnt die deutsche Ärzteschaft damit, ihre Rolle während der dunklen Jahre der Naziherrschaft systematisch aufzuarbeiten, zum Beispiel mit der Archivierung des Reichsarztregisters durch die Kassenärztliche Vereinigung Berlin.

Lesung an historischer Stätte im Krankenhaus Moabit

Die hatte kürzlich zusammen mit der Berliner Ärztekammer und dem Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer den Dichter zur Lesung geladen. In den Hörsaal des Krankenhauses Moabit, in dem Georg Groscurth in den 30er Jahren seine Studenten unterrichtete.

 
"Das wirklich Irrationale ist nicht das Böse. Im Gegenteil: Es ist das Gute"
 
Imre Kertész
ungarischer Nobelpreisträger
   

1940 wurde Georg Groscurth Leibarzt von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Was der ihm während der Sprechstunden anvertraute, gab der Mediziner als Mitglied der Widerstandsgruppe "Europäische Union" an die Alliierten weiter. Die Gruppe, zu der auch der Architekt Herbert Richter-Lukian und der Dentist Paul Rentsch sowie der Chemiker Robert Havemann gehörten, flog auf. 1944 starben sie bis auf Havemann alle unter dem Fallbeil. Seine Arbeit an kriegswichtigen Forschungen rettete dem Wissenschaftler das Leben.

"Es gab leider nicht viele Kollegen, die nicht geschwiegen haben", bemerkt der stellvertretende Vorsitzende der Ärztekammer Berlin, Elmar Wille, bei seinen einführenden Worten. 3000 Ärzte hätten die Nazis alleine in Berlin ermordet und vertrieben. "Das konnte der Bevölkerung nicht verborgen geblieben sein".

Den Bogen zur Gegenwart schlägt Burkhard Bratzke vom Vorstand der KV Berlin. "Überall auf der Welt wird mit Hilfe von Ärzten gefoltert", sagt er. Ob aus eigenem Antrieb oder auf Befehl sei gleichgültig. "Aufgabe von Ärzten ist es zu helfen". Die Groscurths seien in diesem Sinne Vorbilder.

Delius hat seine Zuhörer sofort im Griff. "Das wirklich Irrationale ist nicht das Böse. Im Gegenteil: Es ist das Gute", hat er seinem Roman ein Wort des ungarischen Nobelpreisträgers Imre Kertész vorangestellt. Die Geschichte eines irrationalen Lebens erzählt er darin. Und das absurde Schicksal von Anneliese Groscurth, die die junge Bundesrepublik in ihren düstersten Jahren bis in die 60er als Frau eines "Verräters" und Bekannte eines Kommunisten wie Robert Havemann ächtete.

Den Widerstandskämpfer Havemann wiederum belegte die DDR mit Hausarrest, weil er sich für den ausgebürgerten Wolf Biermann einsetzte. Der Ich-Erzähler im Roman will 1968 den Nazi-Richter Rehse töten. Rehse hatte Groscurth zum Tode verurteilt. Vom Vorwurf, damals das Recht gebeugt zu haben, wird er nach dem Krieg frei gesprochen. Delius läßt seinen Helden erfrischend respektlos über die geeigneten Mittel räsonieren, den Richter ins Jenseits zu befördern. Dabei zeigt er schonungslos die Absurdität eines Systems auf, das die Frau eines ermordeten Widerstandskämpfers zur Staatsfeindin erklärt, ihr die Approbation und damit die Existenzgrundlage entzieht.

Im Buch trägt das Schicksal des Arztes auch komische Züge

Leicht schreibt Delius, ohne dem Thema sein Gewicht zu nehmen. Selbst komische Züge trägt das Schicksal des Arztes, der alle Tricks anwendet, um nicht in die Partei eintreten zu müssen und doch den Stellvertreter des Führers medizinisch betreut. In der Beschreibung, wie Groscurth aus Not mit den Eitelkeiten der Herrschenden spielt, gelingen Delius Szenen in der besten Tradition des Schelmenromans. So wenn Heß ihn fragt, warum er kein Parteiabzeichen trage. Groscurth antwortet listig, er könne doch den edlen Anstecker bei der Arbeit nicht mit Blut besudeln.

"Nein" antwortet Delius am Ende seiner Lesung auf die Frage eines Zuhörers. Er sei nicht der Protagonist, der mit dem Gedanken schwanger gehe, den ehemaligen Nazi-Richter zu töten. Aber daß der Schriftsteller immer auch auf der Seite seiner guten Figuren steht, verneint er nicht.

Friedrich Christian Delius: Mein Jahr als Mörder. Rowohlt. Berlin 2004. 19,90 Euro. ISBN: 3871344583.

Ein Leben im Widerstand

Georg Groscurth kommt 1904 in Hersfeld zur Welt. Der Sohn eines Landwirtes studiert Medizin in Marburg, Freiburg, Graz, Wien und Berlin. Ab 1933 muß Groscurth als Arzt am Robert-Koch Krankenhaus in Moabit mit ansehen, wie die Direktion erfahrene jüdische Ärzte gegen solche mit NSDAP-Parteibuch austauscht, ob sie qualifiziert sind oder nicht.

Als Groscurth 1940 Dozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin wird, wird Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß auf ihn aufmerksam und bestellt ihn zu seinem Leibarzt. Groscurth, der die Nazis ablehnt, begibt sich auf eine schwierige Gratwanderung. Einerseits wirkt er im Zentrum der Macht, andererseits baut er gemeinsam mit Robert Havemann und anderen die Widerstandsgruppe "Europäische Union" auf.

Bewußt bricht Groscurth das Arztgeheimnis und gibt an die Allierten weiter, was der hypochondrische Heß ihm während der häufigen Sprechstunden über die militärischen Vorhaben Hitlers berichtet. 1943 fliegt die Gruppe auf, möglicherweise aufgrund eines Verrats. Groscurth stirbt am 8. Mai 1944 unter dem Fallbeil. (af)

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