Ärzte Zeitung, 13.01.2005

DNA-Analyse liefert letzte Gewißheit

Identifizierung der Toten erfolgt in zwei Phasen / Erste Hinweise geben Größe, Gewicht, Augen- und Haarfarbe

NEU-ISENBURG (nsi). Etwa 160 000 Menschen sind nach offiziellen Angaben durch die verheerenden Flutwellen in Südasien ums Leben gekommen, über 600 Deutsche werden vermißt. Die Identität der Menschen festzustellen, die tot geborgen werden, ist eine wichtige Aufgabe von Ärzten, die im Katastrophengebiet im Einsatz sind.

Fotografische Dokumentation gehört zur Arbeit eines forensischen Identifizierungsteams. Fotos (2): dpa

Organisatorisch hat sich Deutschland, wie viele andere Länder, auf solche Aufgaben schon früher eingestellt: Seit 1972 gibt es eine Identifizierungskommission beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden. Denn Massenkatastrophen nehmen zu: durch die erhöhte Mobilität der Menschen in Form von Verkehrskatastrophen, aber auch als Folge von Naturereignissen wie Erdbeben, Lawinenunglücken, Überschwemmungen oder Seebeben wie jetzt in Asien.

Etwa hundert Spezialisten des Bundeskriminalamtes arbeiten derzeit an der Identifizierung der Todesopfer mit, so das BKA, hinzu kommen etwa dreißig ausgewählte Rechts- und Zahnmediziner aus dem Bundesgebiet. Die Forensiker helfen, die Toten zu bergen. Den Verwesungsprozeß versucht man durch Kühlung aufzuhalten.

Die Identifizierung erfolgt in zwei Phasen: Bei der primären Identifizierung werden persönliche Dokumente gesichert und Körpermerkmale wie Haar- und Augenfarbe festgestellt sowie Größe und Geschlecht der geborgenen Person. Möglichst viele Merkmale sollen erste Hinweise auf die Identität des Toten geben.

Mit Röntgenaufnahme von Gebissen sollen später Flut-Opfer identifiziert werden können.

Die endgültige Zuordnung zur Person erfolgt durch die sekundäre Identifizierung über biologisches Material. Ein wesentliches Zuordnungs-Kriterium ist der Zahnstatus. Zahn-Röntgenbilder gehören auch in Asien zum Pflichtprogramm von Interpol bei der Identifizierung von Katastrophenopfern. Siebzig bis achtzig Prozent der Toten lassen sich über den Zahnstatus identifizieren.

Bis zu fünf Tage nach dem Tod können Fingerabdrücke noch aussagekräftig sein. Und schließlich wird allen Toten Gewebe für eine DNA-Analyse entnommen, wenn möglich aus dem Oberschenkelmuskel. "Solche Gewebeproben ermöglichen bei einer Entnahme vier bis fünf Wochen nach dem Tod noch ein zuverlässiges Ergebnis", sagt Professor Morten Keller-Sutter vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich.

Außer für die Verarbeitung der Trauer ist eine Identifizierung von Todesopfern aus finanziellen Gründen wichtig: Die Lebensversicherungen bezahlen nur, wenn eine Todesbescheinigung vorliegt. Bis dahin kann ein Vermißter als verschollen gemeldet werden. Aber die Wassermassen in Asien werden viele Opfer nicht mehr hergeben.

"Wir erarbeiten für die Familien eine Sonderregelung, die unbürokratische Hilfe ermöglicht und in jedem Fall eine tragbare Lösung sein wird", sagte die Sprecherin einer Lebensversicherung der "Ärzte Zeitung."

Weitere Information über die Identifizierung von Toten nach Massenkatastrophen in: Handbuch für Gerichtliche Medizin, Burkhard Madea, Bernd Brinkmann, 2 Bände, Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 2003

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