Ärzte Zeitung, 12.05.2005

HINTERGRUND

Sexualität ist für geistig Behinderte genauso wichtig wie für Gesunde

Von Angela Speth

Über die Sexualität von geistig behinderten Menschen kursieren in der Öffentlichkeit teilweise abenteuerliche Vorstellungen. So vermuten manche, sie seien besonders triebhaft. "Die Sexualität von geistig Behinderten wird dramatisiert, als animalisch und hemmungslos aufgebauscht", so Professor Rainer Trost von der Fakultät für Sonderpädagogik in Reutlingen auf einem Symposium in Tübingen.

    Jede zweite geistig Behinderte wird Opfer sexueller Gewalt.
   

Doch das seien vorwiegend Projektionen, die ihren Kern darin haben, daß sexuelle Aktivitäten von geistig Behinderten, die ja meist in Heimen leben, eher offensichtlich sind. Denn entweder verfügen sie dort über keinerlei Intimsphäre, oder sie sehen keinen Grund, etwas zu verbergen.

Oft werden geistig Behinderte infantilisiert

In die gerade entgegengesetzte Richtung geht das Vorurteil, geistig Behinderte seien geschlechtslos. Es handelt sich um eine Infantilisierung, begleitet von der Phantasiefigur des unverdorbenes Kindes. Damit einher gehen subtile Botschaften, die von klein auf die sexuelle Entwicklung dieser Menschen bremsen.

Denn um die Zuwendung ihrer Betreuer nicht zu verlieren, geben sie sich so geschlechtslos, wie diese sie gerne sehen möchten. Wieder anderen schwebt das Bild vor, geistig Behinderte seien distanzlos und aufdringlich, sie forderten körperliche Nähe, ohne die sozialen Grenzen zu beachten.

Dieser Blickwinkel entspringt meist einer Fehlinterpretation: Tatsächlich nutzen geistig Behinderte, in ihren verbalen Möglichkeiten eingeschränkt, verstärkt die Körpersprache. Trost: "Man könnte es ja auch so auffassen, daß sie in ihren Emotionen unverbildet geblieben sind."

Die geschlechtliche Reifung verläuft altersgemäß

Den verbreiteten wirklichkeitsblinden Ideen setzte der Sonderpädagoge die These entgegen, daß Liebe, Partnerschaft und Sexualität für geistig Behinderte von gleicher Bedeutung sind wie für die übrige Bevölkerung. So verläuft die geschlechtliche Reifung altersgemäß und unabhängig von sonstigen Defiziten.

Allerdings haben sie es ungleich schwerer, eine Geschlechtsidentität in ihre Persönlichkeit einzubetten. Gerade die Pubertät erleben sie durch die Ungleichzeitigkeit von körperlicher und kognitiver Entwicklung als besonders krisenhaft. Dieser Umbruch birgt immense Spannungen, die die Jugendlichen kaum begreifen. Erschwerend kommen Erfahrungen des Nicht-Mithalten-Könnens sowie für sie unverständliche Moralvorschriften und Tabus hinzu.

Nicht einmal ihren Partner können sie selbst wählen

Fremdbestimmt und abhängig, wie sie meist leben, können geistig behinderte Menschen nicht einmal ihren Partner selbst wählen. Das Gebrochene der Geschlechtsrolle zeigt sich zum Beispiel darin, daß die Mädchen zwar zu weiblichem Verhalten erzogen werden, etwa für andere zu sorgen, jedoch nicht dazu, Ehefrau und Mutter zu sein.

Gerade aus dieser Abhängigkeit erwächst auch ein weiteres gravierendes Problem: die Sexualdelikte an geistig Behinderten. Studien zufolge sind sie geradezu ein Massenphänomen: Bis zu 60 Prozent der Frauen sind schon einmal Opfer von sexuellem Mißhandlung geworden, ein Viertel sogar von Vergewaltigungen oder entsprechenden Versuchen.

Heimbewohnerinnen zum Beispiel haben ein vier- bis fünfmal höheres Risiko, sexuell mißhandelt zu werden als die übrige Bevölkerung. Die Täter - hauptsächlich nahestehend Personen - nutzen die Verständigungsschwierigkeiten ihrer Opfer aus, deren Sehnsucht nach Normalität und das mangelhafte Wissen über Sexualität.

Immerhin gibt es seit kurzem Präventionsprogramme, die sich einerseits um Aufklärung der Behinderten bemühen, andererseits um Schulung des Personals, Zeichen der Mißhandlung zu erkennen.

Noch ein weiterer erfreulicher Fortschritt ist nach den Worten von Trost zu beobachten: In der Einstellung zu geistig behinderten Menschen hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, ein Wandel zu mehr Selbstbestimmung und Individualität. Außerdem gibt es Ansätze, die Behinderung nicht als Abweichung von der Norm zu werten, sondern als eine Variante der Vielfalt; der Blick richtet sich auch auf die Ressourcen und nicht immer nur auf die Defizite.

Obwohl die früheren Denkschablonen noch immer virulent sind, wird geistig behinderten Menschen in der Fachdiskussion mehr und mehr das Recht auf Sexualität zugestanden. So werden Möglichkeiten der Hilfe erörtert, etwa Beratung, Unterweisung in Sexualpraktiken, Beschaffung von Videos, Vermittlung von Prostituierten bis hin zu Massage oder Hilfe beim Geschlechtsverkehr. Das seien allerdings prekäre Überlegungen, räumte Trost ein, die einer großen Portion an Sensibilität bedürfen, damit sie zum Beispiel nicht in Zwangsbeglückung ausarten.

Wie zwiespältig das ist, verdeutlicht er an einer selbst erlebten Geschichte: Der geistig behinderte Klaus P., ein Heimbewohner, hat zum ersten Mal Besuch von einer Frau, einer Prostituierten. Hinterher war er unsagbar glücklich, er leuchtete von innen heraus, erzählte Trost. Am Abend findet man ihn auf dem dunklen Balkon. Er weint. Was ist denn?, wird er gefragt, und er antwortet: Ich glaube, ich habe mich verliebt.

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