Ärzte Zeitung, 27.06.2005

"Wir sind jederzeit bereit zur Flucht"

Mehr als 1000 Kinder in Sri Lanka sind durch den Tsunami zu Vollwaisen geworden

Von Can Merey

Als die Wassermassen sich zurückziehen, findet der neunjährige Lakshita unter den vielen Leichen auch die seiner Mutter. Er und seine ein Jahr ältere Schwester Lassita haben überlebt, sind aber Vollwaisen geworden - ihr Vater ist schon lange zuvor bei einem Unfall gestorben. Monate nach der Katastrophe redet der Junge im Schlaf noch laut mit der Toten. Doch inzwischen kann Lakshita wieder lächeln. Manche Kinder stehen den Erwachsenen in Sri Lanka an Tapferkeit in nichts nach.

Zögerliches Lächeln: die Vollwaisen Lassita (zweite von links) und Lakshita (dritter von links) bei den Großeltern. Foto: dpa

Die beiden Waisen, die bei der Flut auch ihre sieben Jahre alte Schwester verloren haben, wachsen nun bei ihren Großeltern in Daluwatumulla im Süden der Insel auf. Das Dorf wurde bei der Katastrophe fast vollständig zerstört. Das Gesicht der Großmutter wirkt verzweifelt, wenn sie von dem Tsunami spricht - und von dem, was er ihr raubte. Sie denke die ganze Zeit an ihre damals 29jährige Tochter und an ihre kleine Enkelin, sagt sie leise. Lakshita und Lassita allerdings kämen inzwischen ganz gut zurecht.

Das gelingt längst nicht allen ihren Altersgenossen in jenen Küstengegenden Asiens, in denen der Tsunami unvorstellbare Verwüstung anrichtete. Schätzungen von UNICEF zufolge sind ein Drittel der Kinder in den Krisenregionen auf langfristige psychologische Betreuung angewiesen. Alleine in Sri Lanka hat die Katastrophe mehr als 1000 Kinder zu Vollwaisen gemacht, über 3500 haben einen Elternteil verloren.

Trotz ihrer traumatischen Erlebnisse haben Lakshita und Lassita das Schuljahr erfolgreich abgeschlossen. "Wir haben gute Noten", sagt der Junge, der sich in dem kargen Haus der Familie an Großvater Nandasena klammert. Lakshita und seine Schwester zeigen ihre Schulhefte sichtlich stolz hervor. Stolz ist auch Großvater Nandasena, ein Fischer, dem der Tsunami nicht nur Teile der Familie, sondern auch seinen Job nahm. Seine Enkel, sagt Nandasena, sollen es einmal besser haben als er - und dieser Traum könnte Wirklichkeit werden. Seine Familie hat Glück im Unglück gehabt. Ein Unternehmer aus Frankfurt/Main las von der Tragödie, die den Kindern widerfahren war, und kaufte dem Fischer ein kleines Boot.

Nach dem Ende des Monsuns will der Großvater erstmals seit der Katastrophe wieder aufs Meer hinaus. Angst davor habe er nicht, sagt er. "Ich fahre zur See, seit ich elf Jahre alt bin." Angst könnte er sich auch gar nicht leisten - die Familie lebt von Essensrationen, die die Regierung Tsunami-Opfern zuteilt. Was die Familie allerdings fürchtet, ist eine neue Flutwelle - die Gerüchte über eine Wiederkehr des Schreckens sind seltener geworden, aber sie reißen nicht ab. Lakshita und Lassita dürfen deswegen nur auf dem Lehmboden spielen, der das Haus der Familie umgibt, weiter weg wollen die Großeltern sie nicht lassen - sicherheitshalber. Nandasena sagt: "Wir sind jederzeit bereit zur Flucht."

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