Ärzte Zeitung, 29.06.2006

Wegen der Fußball-WM sind die Blutkonserven besonders knapp

Rückgang bis zu 30 Prozent / Operationen müssen verschoben werden

BERLIN (eb/ddp.vwd). Die Blutkonserven in Deutschland werden immer knapper. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) verzeichnet einen starken Rückgang bei den Blutspenden: Statt der üblichen etwa 15 000 Blutspenden pro Tag kommt das DRK zur Zeit nur auf etwa 13 000 Spenden.

"Lebensretter gesucht!" - eine Blutkonserve im Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Frankfurt (Oder). Foto: dpa

Besonders kritisch sei die Lage in Berlin-Brandenburg, Hessen und Baden-Württemberg, so die Organisation. Hier hätten Rückgänge von bis zu 30 Prozent des täglichen Bedarfs dazu geführt, daß Operationen verschoben werden mußten (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Nicht nur das DRK, das nach eigenen Angaben 80 Prozent des bundesweiten Bedarfs deckt, auch andere Blutspendedienste klagen über einen starken Rückgang.

Grund für den Engpaß sind steigende Temperaturen und die einsetzende Reisesaison, die die Bereitschaft, Blut zu spenden, sinken läßt. "In den Sommermonaten ist die Lage erfahrungsgemäß knapp", so DRK-Präsident Dr. Rudolf Seiters. "Aber so eng wie in diesem Jahr haben wir es selten erlebt."

Denn in diesem Jahr kommt die Fußball-Weltmeisterschaft hinzu: Statt Blut zu spenden, sehen sich die Deutschen lieber die Fußballspiele im Fernsehen an. Andere arbeiten momentan wegen der WM besonders intensiv und haben keine Zeit, wie sonst Blut zu spenden.

Die Fußball-WM als Konkurrenz zu den Blutspendeterminen

Das haben zum Beispiel auch Umfragen in Sachsen-Anhalt und Sachsen ergeben. Die Fußball-WM sei "eine direkte Konkurrenz zu den Blutspendeterminen", sagt Ursula Lassen, Sprecherin des DRK in Sachsen-Anhalt. Normalerweise zähle der zentrale Blutspendedienst der Organisation in Dessau an den Werktagen insgesamt 2800 Spenden. Mit Beginn der Hitzeperiode wurden jedoch 15 Prozent weniger Spenden gezählt. Durch verstärkte Werbekampagnen bewege sich das Defizit aktuell bei nur fünf Prozent.

In der Blutbank an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg nehmen ebenfalls die Vorräte ab. "Die Nachmittagstermine sind wegen der WM-Spiele und des anhaltend warmen Wetters kaum besetzt", sagte die Sprecherin der Einrichtung, Silke Schulze. Dort geben durchschnittlich bis zu 360 Spender pro Woche Blut ab, derzeit jedoch kommen maximal 300. Vor allem die als Notfall-Blutgruppe bezeichnete Blutgruppe Null sei knapp, so Silke Schulze.

Spendedienste können sich gegenseitig nicht helfen

"Wir haben Rückgänge von bis zu 25 Prozent", sagt auch Christian Wendler vom Blutspendedienst des DRK Sachsen in Chemnitz. Da die Situation in ganz Deutschland ähnlich sei, könnten die einzelnen Spendedienste sich auch untereinander nicht mehr austauschen. "Es ist überall knapp", sagt Wendler.

Im Chemnitzer Blutspendezentrum würden normalerweise wöchentlich etwa 1300 Spenden genommen, jetzt seien es nur noch etwa 1000. "Wir appellieren an alle Spender, die angebotenen Termine unbedingt wahrzunehmen", sagt Wendler, der beim DRK für die Blutspende-Werbung zuständig ist.

Auch am Institut für Transfusionsmedizin der Martin-Luther-Universität in Halle habe sich seit der vergangenen Woche die sinkende Bereitschaft spürbar gemacht. Institutsleiterin Dr. Helga Peschke geht von einem Rückgang in Höhe von 15 Prozent aus bei durchschnittlich bis zu 400 Spendern wöchentlich. "Der Trend wird sich im Laufe des Sommers fortsetzen", schätzt sie. Sie erwarte, daß etwa ein Viertel der üblicherweise zur Verfügung stehenden Spenden fehlen werde.

"Taschentücher gibt’s im Supermarkt, Blut nicht!", heißt es auf einem Plakat des DRK. Mit starken Sprüchen soll zum Blutspenden angeregt werden. Auch mit Lockmitteln wie Verlosungen, Aufwandsentschädigungen und zusätzlichen Spendenterminen an Wochenenden versuchen die Einrichtungen, das Sommerloch zu kompensieren.

Blutkonserven sind etwa einen Monat haltbar. Geringe Vorräte können tragische Auswirkungen haben. "Die Folge ist, daß Operationstermine verschoben werden und Patienten auf notwendige Eingriffe warten müssen", sagte Helga Peschke.

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