Ärzte Zeitung, 05.07.2006

Computer im Verbund schaffen Op-Simulation in Minuten

Brachliegende Kapazitäten von Rechnern können auch für die Medizin genutzt werden / Projekt MediGRID als Vorreiter für andere Gebiete

GÖTTINGEN (cben). Mammut-Computer im Dienst der Medizin? Bald könnten halb ausgelastete Rechner in Forschungseinrichtungen der Republik ihre freien Kapazitäten per Internet zusammenschalten und Rechnerleistungen in bisher ungeahnter Geschwindigkeit erbringen.

Rechenzentrum beim Deutschen Wetterdienst. Klimaforscher und Mediziner profitieren, wenn viele Rechner über die Grid-Technik zusammenarbeiten. Foto: dpa

In Göttingen haben sich vor kurzem IT-Spezialisten getroffen, um die Grid-Technik übergreifend nutzbar zu machen - und zwar für die Klimaforschung, die Astronomie und Hochenergiephysik, die Ingenieurswissenschaften und für die Medizin. Grid ist das englische Wort für Gitter.

Bei der Grid-Technik geht es darum, daß mehrere Computer gemeinsam eine große Aufgabe lösen, für die ein Rechner Stunden oder gar Tage brauchen würde. "Wir haben die Medizin als Projekt MediGRID aufgenommen, weil die Problemlösungen auf dem Gebiet der Medizin unserer Meinung nach Vorreiter für viele andere Disziplinen wären", meint Professor Ulrich Sax von der Uni Göttingen.

Für medizinische Anwendungen bietet das Grid mittelfristig erstaunliche Möglichkeiten, meint Sax: "Wenn ich zum Beispiel während einer Operation wissen will, wie sich bei meinem Patienten die Blutströmung verhalten wird, könnte ich ein paar CT- und Echo-Aufnahmen ins Netz geben und den voraussichtlichen Verlauf der Op berechnen lassen." Die bundesweit angeschlossenen Computer würden in wenigen Minuten das Ergebnis errechnen und dem Operateur eine 3D-Simulation der noch nicht ausgeführten Operation auf den Bildschirm liefern.

Schnell können so auch Diagnose, Alter oder bestimmte genetische Anomalien des Patienten mit Patienten in vielen anderen (anonymisierten) Datenpools abgeglichen werden. Heraus käme dann eine Art statistisches Mittel, ein erwartbarer Op-Verlauf. "Im Prinzip kann man diese Berechnungen heute schon machen, sie dauert aber Stunden, und so lange kann der Patient auf dem Op-Tisch nicht warten," sagt Sax.

Andere Hürden indessen sind noch gar nicht in Angriff genommen worden. So könnten die Teilnehmer an einem Grid-System bisher nicht garantieren, daß die Rechnerleistung konstant zur Verfügung steht. Was geschieht zum Beispiel, wenn ein Institut seine sonst brachliegenden Rechnerleistungen plötzlich doch benötigt? Im Akutfall im Operationssaal könnte das Probleme geben.

Initiiert wurde das Grid-Projekt vom Bundesforschungsministerium. Die Förderung des Ministeriums in Höhe von etwa 2,3 Millionen Euro läuft noch zwei Jahre.

Informationen: www.d-grid.de und www.medigrid.de

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