Ärzte Zeitung, 07.07.2006

Adolf Katzenmeier ist der "Vater der Nationalmannschaft"

Den heutigen Bundestrainer Jürgen Klinsmann hat der Masseur im DFB-Team schon als Spieler geschätzt

Von Christian Kunz und Jens Mende

Sepp Herberger war sein Entdecker, Franz Beckenbauer machte ihn groß - und mit Jürgen Klinsmann feierte er schon 1990 sein schönstes WM-Erlebnis. Masseur Adi Katzenmeier ist das Urgestein der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und zugleich ein Glücksbringer.

Immer ganz nah dabei: Adolf Katzenmaier (rechts) jubelt mit dem Trainerstab über den Einzug der deutschen Nationalmannschaft ins Halbfinale. Fotos: dpa

Der 71jährige ist schon zum siebten Mal bei einer Fußball-WM dabei. Er knetete bereits die Muskeln der Ehrenspielführer von Fritz Walter über Beckenbauer bis Lothar Matthäus. Auch Klinsmanns eingeölter Körper flutschte schon durch die heilenden Hände des Hessen, dessen WM-Karriere am Wochenende möglicherweise vorbei ist.

Physiotherapeut Adolf Katzenmeier gehört seit 1974 fest zum DFB-Stab.

"Ich will so lange arbeiten, wie der liebe Gott mich läßt. So lange verlängere ich mit Handschlag. Aber die nächste WM wird eng", spekulierte der Altmeister der Massage, der nur die Weltmeisterschaft 1998 wegen einer Operation verpaßt hatte. "Mit 80 möchte ich aber auf keinen Fall mehr auf den Platz laufen. Ich muß nicht mehr mit Doktor Müller-Wohlfahrt um die Wette rennen."

Herberger fragte: "Junge, willst du nicht zum DFB kommen?"

Begonnen hatte die lange Karriere 1963 mit "Herberger, dem schlauen Fuchs", wie Katzenmeier den Alt-Bundestrainer nennt. Eine Salbe sollte er ins Trainingslager der Nationalmannschaft bringen, nach einem Gespräch legte der große Fußball-Lehrer väterlich seinen  Arm um den schmächtigen Mann mit den kräftigen Händen und fragte: "Junge, willst du nicht zum DFB kommen?"

Acht von neun Bundestrainern erlebte Katzenmeier, nur dem bis 1936 amtierenden Otto Nerz ist er beim DFB nicht begegnet. Beckenbauer persönlich hatte 1974 eine zweite ständige Massage-Kraft neben Erich Deuser eingefordert - die Wahl fiel auf "den Adi", der zuvor alle möglichen Auswahl-Teams des Verbandes betreut hatte.

"Das war ein Erlebnis wie für Odonkor heute. David hat zu mir gesagt, die Nominierung war wie ein neues Leben. Ich hab mich damals auch fast nicht mehr eingekriegt vor Freude", erinnert sich Katzenmeier mit leuchtenden Augen. Mit "bereitgestelltem Mercedes" ging es sofort ins Trainingscamp nach Malente. Bei einem Besuch von Fritz Walter löste er auch bei dem nochmal eine Muskel-Verspannung.

In den vielen Jahren gingen die verschiedensten Typen von Nationalspielern bei Katzenmeier ein und aus. Klinsmann hat den Masseur einmal als "Vater der Nationalmannschaft" bezeichnet. "Er hat immer ein bißchen ein Lachen auf dem Gesicht. Das hatte er schon als Spieler", beschrieb jetzt der Masseur seinen neuen Chef. In der Öffentlichkeit nennt er Klinsmann "Trainer", hinter verschlossener Tür ist er für ihn einfach der "Jürgen, immer höflich, immer freundlich".

Zwar ist Klinsmann der uneingeschränkte Chef im DFB-Team, wie es einst der große Herberger war, doch der Masseur sieht gravierende Unterschiede. "Klinsmann kann gut delegieren. Herberger ist auch manches Mal lustig gewesen, aber Jürgen ist lockerer - eher die Kategorie Beckenbauer. Und der Franz hat bei allem Glück gehabt, was er angepackt hat", erzählte Katzenmeier.

Und über den Spieler Klinsmann berichtete er: "Er war ein bißchen Einzelgänger. Wenn ich ihn wecken sollte, saß er oft schon am Tisch und schrieb etwas auf. Er ist immer in Bewegung, er mußte immer was machen und war nicht der, der sich ins Bett legen konnte."

Nicht nur Muskeln, auch die Zunge wurde und wird bei Katzenmeier gelockert. "Die Spieler wissen aber, daß ich nichts weiter trage", sagte der Physiotherapeut.

In seinen Erinnerungen "wird nix Böses drinstehen"

Vor allem Jungspunde wie Marcell Jansen, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski wollen die Kuriositäten von damals hören. "Adi, erzähl mal", lauten die Code-Worte, wenn sie sich auf der Bank lang gemacht haben. Sensationen gab der Geheimnisträger bisher öffentlich nicht preis, aber vielleicht wird er irgendwann seine Anekdoten in einem Buch zusammenfassen. "Aber da wird nix Böses drinstehen", versprach er seinen Beicht-Patienten schon im Voraus. (dpa)

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