Ärzte Zeitung, 22.11.2006

Im Südsudan geben Hilfsorganisationen die Verantwortung an die Bürger zurück

Langfristige Gesundheitsversorgung ist erschwert, weil qualifizierter Nachwuchs fehlt

Von Michaela Ludwig

Nach 21 Jahren Bürgerkrieg sind im Südsudan nur noch wenige Krankenstationen funktionsfähig. Ein Großteil der Infrastruktur ist zerstört. Bisher wurde die grundlegende Gesundheitsversorgung von den UN und Hilfswerken wie der Diakonie Katastrophenhilfe übernommen. Die ziehen sich nun zurück und überlassen der neuen Regierung das Feld.

Eine Patientin beobachtet, wie ein Gesundheitsmitarbeiter Arzneien für ihr Kind abfüllt. Fotos: Desmarowitz

Sebastian Marial Dut legt das Stethoskop beiseite und tastet den Bauch eines Mädchens ab. Als die Zweijährige zu schluchzen beginnt, gibt ihr die Mutter die Brust. "Chronische Malaria", diagnostiziert der Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe zum dritten Mal an diesem Vormittag, "begleitet von einer Atemwegsinfektion."

"Geben Sie der Kleinen nicht mehr die Brust"

Marial notiert Beschwerden und Diagnose auf der grünen Karteikarte und schaut die Frau über seine große Brille hinweg an. "Geben Sie der Kleinen nicht mehr die Brust. Kochen Sie ihr Bohnen, oder wenn Sie keine haben, Kürbisblätter." Die Frau nickt. Mit der Karte in der Hand verläßt sie die Bambushütte Richtung Apotheke.

Jeden zweiten Tag fährt Marial vom Hauptquartier der Diakonie Katastrophenhilfe in Rumbek zur 25 Kilometer entfernt liegenden Krankenstation in Warkunjunk. Der 48jährige Gesundheitshelfer ist der einzige Südsudanese im fünfköpfigen medizinischen Team des Hilfswerks. Normalerweise beaufsichtigt er das einheimische medizinische Personal in Rumbek und in den Krankenstationen der Dörfer. Doch heute muß er in Warkunjunk selbst einspringen, weil ein Mitarbeiter Urlaub hat.

Der Platz zwischen den Hütten dient als Wartezimmer

Die drei Bambushütten der kleinen Klinik liegen am Dorfrand, umgeben von Elefantengras. Marial und eine Geburtshelferin untersuchen die Patienten, während ein Mitarbeiter in der Apotheke über Tabletten, Hustensäften und Tropfen wacht. Der sauber gefegte Platz zwischen den Hütten dient als Wartezimmer: Unter zwei Bäumen sitzen die Patienten - meist Mütter mit ihren Kindern.

Ein Kind erhält eine Schluckimpfung. Meist kommen Mütter mit ihren Kindern zu den Gesundheitsstationen.

Die meisten von ihnen leiden an Malaria, Durchfall oder Erkrankungen der Atemwege. Damit können sie in der Dorfklinik behandelt werden. Patienten mit selteneren Erkrankungen bringt Marial ins Krankenhaus nach Rumbek. Denn hier, im südsudanesischen Busch, fehlt es an den meisten der aus europäischen Praxen bekannten Instrumente.

Die größten Probleme bereitet es, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Nach 21 Jahren Bürgerkrieg sind die meisten Menschen auf dem Land Analphabeten. "Ich habe meine Ausbildung noch im alten Sudan erhalten", erzählt Marial. "Heute ist es sehr schwer, junge Leute - speziell Frauen - mit ausreichend Schulbildung zu finden." Deshalb setzt die Diakonie einen Schwerpunkt auf die Ausbildung junger Menschen zum Gesundheitshelfer und finanziert deren Schulungen.

    Im Süden des Landes existieren weder Straßen noch Telefonnetze.
   

Die Diakonie Katastrophenhilfe hat die Arbeit in Rumbek 1998 kurz nach dem Abzug der Regierungstruppen aufgenommen. Das Hilfswerk richtete zunächst ein Ernährungszentrum ein, das im Folgejahr zu einem Gesundheitszentrum ausgebaut wurde. Bis heute sind eine weitere größere Krankenstation im Nachbarbezirk und vier kleinere sogenannte Buschkliniken hinzugekommen. Zuständig für die Krankenstation ist das Dorfgesundheitskomitee, dessen Mitglieder von den Dorfbewohnern gewählt wurden. Das Team der Diakonie arbeitet eng mit diesen Komitees zusammen. "Die Komitee-Mitglieder werden von allen Bewohnern respektiert," erklärt Marial, "ohne sie könnten wir die Menschen nicht erreichen."

Das Gesundheitskomitee kümmert sich um das Gelände und die Hütten, auch das Personal wird ernannt und der Diakonie zur Verfügung gestellt. "Die Menschen kommen aus der Gemeinde und bringen nach der Ausbildung ihre Dienste in die Gemeinde zurück", so Marial. Nach Ansicht der Projektverantwortlichen in Stuttgart ist Marial der richtige Mann für eine große Aufgabe: Daher soll er die Leitung der großen Krankenstation in der Distrikthauptstadt Rumbek sowie der kleinen Stationen übernehmen.

Vor den Behandlungszimmern warten Patienten. Die Gesundheitsversorgung wird jetzt von Einheimischen organisiert.

Stuttgarter Hilfswerk leitete Rückzug aus Südsudan ein

Allein die kleinen Zentren haben ein Einzugsgebiet von 70 Dörfern, in denen etwa 13 000 Menschen leben. Mit dieser Maßnahme leitete die Diakonie Katastrophenhilfe ihren Rückzug aus dem Südsudan ein. Nun soll die neue Regierung in die Verantwortung genommen werden. Jedoch existiert im Südsudan so gut wie keine Infrastruktur - und hat auch niemals existiert: Es gibt wenige befahrbare Straßen und kein Telekommunikationsnetz. Schulen und Krankenstationen werden von Kirchen und internationalen Organisationen betrieben.

Der Süden Sudans erhält die Hälfte der Erdöleinnahmen

Dennoch hat die neue südsudanesische Regierung - zumindest die finanziellen - Voraussetzungen für den Aufbau des Landes geschaffen: Wie im Friedensabkommen zwischen Regierung und Volksbefreiungsbewegung vereinbart, erhält der Süden die Hälfte der Erdöleinnahmen. Außerdem hat die internationale Gemeinschaft 4,5 Milliarden Dollar für Wiederaufbau und humane Zwecke bewilligt. Daraus sollen die Budgets für Gesundheitssektor und Bildungssystem gespeist werden.

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