Ärzte Zeitung, 14.05.2009

Der Jazz wird zum Lebensretter

Ein Unfall hätte sie fast das Leben gekostet, doch Melody Gardot überlebt. Ihre Songs helfen dabei und sie wird zur gefeierten Jazzerin.

Von Pete Smith

Der Jazz wird zum Lebensretter

Nach ihrem Unfall hat sie neue Kraft aus dem Jazz geschöpft: die Sängerin Melody Gardot. Fotos (2): Universal Music

Eine junge Frau steht mit ihrem Fahrrad an einer Kreuzung in Philadelphia. Plötzlich rast ein Geländewagen auf sie zu und erfasst sie. Mit schweren Verletzungen wird die 19-Jährige ins Krankenhaus eingeliefert. Ans Bett gefesselt, beginnt sie Songs zu schreiben. Jahre später ist sie ein gefeierter Star und eine große Hoffnung der internationalen Jazz-Szene.

Was sich wie das Drehbuch zu einem schmalzigen Hollywood-Schinken liest, ist die Lebensgeschichte der Jazzsängerin Melody Gardot. Der Unfall, der ihr Leben veränderte, geschah vor sechs Jahren. Sie befand sich auf dem Weg nach Hause, als der Jeep gegen sie prallte. "Ich spüre den Aufprall, alles wirkt seltsam unwirklich", erinnert sie sich später. "Plötzlich höre ich das lauteste Geräusch, das ich je vernommen habe: Es ist mein eigenes Schreien."

Auch in Europa wird sie mittlerweile gefeiert

Mit mehrfachen Beckenfrakturen, Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen wird Melody Gardot in eine Klinik eingeliefert. Monate muss sie im Bett verbringen. Sie will weg von den Medikamenten, sucht eine neue Perspektive. Als Kind hat sie Klavierspielen gelernt, ihr Arzt weiß das. Daher rät er ihr zu einer Musiktherapie. Die 19-Jährige beginnt, eigene Songs zu schreiben. Es sind melancholische, durch den Blues beeinflusste Stücke. Im vergangenen Jahr legt sie ihr erstes Album vor: "Worrisome Heart". Ein großer Erfolg. Nicht zuletzt ihrer reifen Stimme wegen und der ungewöhnlichen Mischung aus laszivem Jazz, Blues und Folk. Spätestens seit Erscheinen ihres zweiten Albums "My One And Only Thrill" in diesem Jahr wird sie auch in Europa als ernstzunehmende Konkurrenz zu Größen wie Norah Jones, Diana Krall und Madeleine Peyroux gefeiert. In Frankfurt am Main können sich Jazzliebhaber am 20. Mai von ihrem Talent überzogen.

Die Auftritte von Melody Gardot sind geprägt von den Folgen ihres Unfalls. Auf Licht und Geräusche reagiert sie empfindlich. Daher betritt sie die Bühne stets mit einer dunklen Brille. Ein Gehstock stützt sie. Und sie leidet an Tinnitus.

"Die Auftritte kosten mich viel Kraft", sagt sie, "aber gleichzeitig gibt es nichts, was mich so glücklich macht." Dabei hatte Melody Gardot gar nicht vor, mit ihren Songs an die Öffentlichkeit zu treten. Von ihrem Arzt angeregt, versuchte sie mit der Musik ihre Konzentrationsprobleme nach dem Unfall in den Griff zu bekommen. "Ich begann die Songs aufzunehmen, um mich daran zu erinnern, was ich getan hatte", sagt sie.

Probleme mit dem Gedächtnis

"Ich hatte schlimme Probleme mit meinem Gedächtnis. Am Ende des Tages konnte ich mich nicht mehr an seinen Anfang erinnern." Freunde hören ihre Stücke und raten ihr, sie zu veröffentlichen. In Philadelphia wird dann ein Sender auf "The Bedroom Sessions" aufmerksam. Melody Gardot erobert danach die Hörer im Sturm. Ihr erstes Album wird produziert, der Rest ist Legende.

Das neue Album "My One And Only Thrill" ist Ende April bei Verve erschienen. Am 20. Mai gibt sie in der Alten Oper Frankfurt ihr einziges DeutschlandKonzert. Karten unter www.alteoper.de

Wie ein Bremer Arzt Psychosen mit Jazz therapiert

Im Zusammenhang mit der Musikmesse "Jazzahead" in Bremen hat der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Dr. Wolfgang Baumgärtner kürzlich etwa 100 Ärzte, Musiktherapeuten, Wissenschaftler und Künstler zu einem Symposium eingeladen. Themen waren medizinische und präventive Aspekte impulsiver Musik, insbesondere des Jazz. Baumgärtner, der selbst in einer Jazz-Kombo spielt, therapiert in seiner Praxis in Melle bei Osnabrück mit Hilfe des Jazz Patienten, die an Psychosen leiden. Jazz, so die Auffassung des Arztes, eigne sich zur Musiktherapie vor allem deshalb, weil diese Stilrichtung mit ihrer Improvisationsfreude mehr Freiheiten biete als jede andere Musikrichtung.

www.jazzahead.de

Topics
Schlagworte
Panorama (30661)
Krankheiten
Schizophrenie (674)
Personen
Pete Smith (519)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »