Ärzte Zeitung, 14.07.2009

Auf dem Pferderücken ist der Krebs weit weg

Ihr Alltag ist bestimmt vom Kampf gegen eine schwere Krankheit: Auf einem Reiterhof können krebskranke Kinder ihre Sorgen für einige Tage vergessen.

Von Heidi Niemann

Kunststück auf dem Pferderücken: Schaut her, was ich kann! Fotos (2): Rink/pid

GROSSALMERODE. "Alle in die Mitte! Groß und Klein, erstmal aufwärmen!" Das lassen sich die Kinder nicht zweimal von den beiden Reitlehrerinnen sagen. Sie versammeln sich in der Mitte des Reitplatzes und machen begeistert bei den kleinen gymnastischen Übungen mit. Die sieben Jungen und neun Mädchen sind schon voller Vorfreude auf das, was danach kommt: Gleich beginnt das Voltigieren, und dann können sie ihre Turnübungen auf dem Rücken der Pferde machen.

Um die Pferde dreht sich überhaupt so ziemlich alles. Die 16 Jungen und Mädchen im Alter zwischen sieben und 13 Jahren haben jetzt eine Woche lang Ferien auf dem Reiterhof Hirschberg nahe der nordhessischen Stadt Großalmerode gemacht. Die meisten von ihnen sind Patienten der onkologischen Universitätskliniken in Köln und Bonn, die wegen einer Leukämie-Erkrankung, eines Hirntumors oder eines Neuroblastoms in Therapie waren. Auch einige Geschwister sind mit von der Partie.

Attraktives Programm zwischen sanften Hügeln

Auf dem Reiterhof, der mitten im Wald zwischen sanften Hügeln liegt, können die jungen Patienten für einige Tage die anstrengenden Krankenhausaufenthalte vergessen und unbeschwert die Natur und die gemeinsamen Aktivitäten genießen. Möglich macht dies der Arzneimittel-Hersteller Grünenthal GmbH aus Aachen. Seit über 15 Jahren finanziert das Pharmaunternehmen in jedem Sommer eine einwöchige Reiterfreizeit für krebskranke Kinder.

Die Reiterfreizeit ist für die Kinder aufregend und wohltuend zugleich. Außer vielen Pferden gibt es hier noch jede Menge anderer Tiere zu entdecken. So haben sich die Kinder sofort mit den Ziegenböcken Harry und Tom vertraut gemacht. An diesem Morgen läuft auch noch Maxi zwischen ihnen herum. Der kleine Hund gehört dem Hufschmied, der einmal wöchentlich auf den Hof kommt, um die Pferde zu beschlagen. "Die Kinder sind hier alle sehr konzentriert bei der Sache", meint Sozialarbeiter Matthias Vogt, der schon seit vielen Jahren zum Betreuerteam der Reiterfreizeit gehört. Das Team besteht aus Krankenschwestern und -pflegern, Erziehern und Sozialpädagogen, die für eine umfassende und professionelle Betreuung sorgen. Auch die medizinische Versorgung ist gewährleistet.

Erzieherin Andrea Tepe ist von den Kindern beeindruckt: "Sie machen begeistert alles mit." Vor allem der Umgang mit den Pferden tut ihnen sichtlich gut. Das beginnt schon am Morgen, wenn sie die Tiere für die Reitstunde präparieren. Begeistert striegeln sie das Fell und kratzen die Hufe aus. An diesem Morgen steht Voltigieren auf dem Programm. Nach und nach darf jedes Kind den Rücken eines der beiden Pferde erklimmen, das von den Reitlehrerinnen im Kreis geführt wird. Auch die noch etwas Ängstlichen machen die Übungen mit Bravour, strecken mal die Arme, mal ein Bein oder genießen es, quer über dem Pferderücken liegend einfach "abzuhängen". Die Betreuer sind immer wieder fasziniert, wie entspannt und gelöst die Kinder auf dem Pferderücken sind. "Ich bin ja schon ein Profi darin", meint cool der elfjährige Mario, als er seine Runden dreht. Patricia will es dagegen genauer wissen: "Ist das Galopp, zeigst du mir das?", fragt sie. Doch nicht nur die Pferde machen die Freizeit zu einem unvergesslichen Erlebnis. "Die Kinder genießen hier die Freiheit", meint Andrea Tepe.

Der enge Kontakt zu den Pferden tut den Kindern gut.

Kutschfahrten und Grillen am Lagerfeuer

An diesem Nachmittag ist "Pferdesonntag": Die Pferde haben frei, und die Kinder machen deshalb einen Ausflug in einen nahe gelegenen Freizeitpark. Auch an den anderen Tagen gibt es viele spannende Aktivitäten. So steht außer Grillen am Lagerfeuer auch noch eine Kutschfahrt auf dem Programm. Sie führt zu einem alten Bergwerk mit einem See und schönen Wiesen zum Herumtollen. Ein weiterer toller Kinderspielplatz befindet sich in einem Steinbruch. Dort singt die Gruppe ihr gesamtes Repertoire an lustigen Liedern, von denen einige erst auf dem Reiterhof entstanden sind.

Überhaupt sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Die Kinder backen Leckerlis für die Pferde, batiken T-Shirts, basteln Ohrringe aus Perlen und führen abends eine Rap-Darbietung vor. Auch wenn so die Tage wie im Flug vergehen, wird der Therapieeffekt lange andauern. Den zehnjährigen Jens beschäftigt schon jetzt vor allem eine Frage: "Fahren wir nächstes Jahr wieder hin?"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »