Ärzte Zeitung, 08.07.2009

TV-Kritik

"Ich fand mich nur noch zum Kotzen"

Wenn Ärzte alkoholsüchtig sind - ein spannendes Thema am Dienstagabend in der ZDF-Reihe "37 Grad".

Von Pete Smith

"Ich fand mich nur noch zum Kotzen"

Foto: Yurok Aleksandrovich©www.fotolia

FRANKFURT/MAIN "Ich konnte keinem Menschen mehr in die Augen sehen, wenn ich getrunken hatte", erzählt der Bochumer Internist Dr. Horst Pleiger. "Das war die Hölle." Sein Kollege Dr. Franz Schütte, ebenfalls alkoholsüchtig, ekelt die "klebrige Wesensveränderung", die mit der Sucht einhergeht. Und der Bonner Arzt Dr. Michael Fei, der seit vielen Jahren trocken ist, ist sich bewusst, dass er "immer wachsam sein muss".

Mit seiner im Rahmen der Reihe "37 Grad" ausgestrahlten Sendung "Halbgötter in Not" hat das ZDF ein Tabu gebrochen. Patienten wollen nichts wissen von suchtkranken Ärzten, und die Betroffenen selbst leugnen ihre Erkrankung so lange, bis sie sich nicht mehr verbergen lässt. Wenn die Schätzungen von Ärzteverbänden stimmen, dann gibt es in Deutschland 20 000 Mediziner, die im Laufe ihres Lebens eine Suchterkrankung erleiden, eine erschreckende Zahl - für Ärzte und Patienten.

Körperliche und psyische Belastung im Beruf ist groß.

Ärzte sind suchtgefährdeter als ihre Patienten. Die Ursachen dafür liegen auf der Hand: eine hohe körperliche und psychische Belastung, allzu kurze Regenerationsphasen, höchste Ansprüche an sich selbst. Horst Pleiger gewöhnte sich zunächst an, abends ein Glas Wein zu trinken, "um den Tag abzuschütteln", wie er sagt. Rasch wurde das Genuss- zum Suchtmittel. Wenn er während seiner Zeit als Oberarzt in einer chirurgischen Klinik nicht einschlafen konnte, verabreichte er sich selbst Valium - intravenös. Bald sehnte er sich auch jenseits des Schlafbedürfnisses nach "diesem warmen Gefühl in den Adern". Als niedergelassener Arzt trank er später bis zu zwei Flaschen Wodka am Tag, behandelte Patienten mit zwei Promille im Blut. Bis einer von ihnen Pleigers Fahne roch und ihn bei einem Kollegen anschwärzte. Pleigers Glück, wie dieser heute weiß. "Ich fand mich nur noch zum Kotzen."

Hilfe fand der Arzt wie seine Kollegen auch in den Oberbergkliniken, die sich auf Mediziner mit Suchtproblemen spezialisiert haben. "Ärzte haben ein hohes Ideal an sich selbst", erklärt deren Leiter Professor Götz Mundle. "Sie sind ohne Grenzen einsatzbereit, sie arbeiten länger und intensiver und setzen am Ende Alkohol und Aufputschmittel ein, um ihrem Ideal gerecht zu werden."

Mit seiner Dokumentation hat das ZDF ein Zeichen gesetzt. Der Respekt gebührt jenen Ärzten, die den Tabubruch gewagt haben und sich dabei nicht scheuten, mit vollen Namen genannt zu werden. Alle drei sind durch die Hölle gegangen. Zwei von ihnen haben ihre Sucht offenbar in Griff und therapieren heute selbst suchtkranke Menschen. Einer ist erst kürzlich aus der Klinik entlassen worden und kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. "Garantien", sagt er, "gibt es im Leben keine."

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