Ärzte Zeitung, 22.01.2010

Ein Arzt kämpft gegen den atomaren Wahnsinn

Stellvertretend für die Ärzteorganisation IPPNW erhielt Professor Bernard Lown 1985 den Friedensnobelpreis. "Ich verwandte jede freie Minute darauf, den plötzlichen Herztod zu besiegen", erinnert er sich. "Dann wurde mir klar, dass die größte Gefahr für das menschliche Überleben nicht der Herztod war, sondern die nukleare Katastrophe."

Von Pete Smith

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Im Gespräch mit Willy Brandt (r.): Der damalige IPPNW-Präsident Professor Bernard Lown (links) und sein Vize Jewgenij Tschasow (m) nahmen 1985 stellvertretend für 145 000 IPPNW-Ärzte den Friedensnobelpreis entgegen. © IPPNW

"Nur die, die das Unsichtbare sehen, können das Unmögliche erreichen." Kaum ein anderer Mediziner hat diese Maxime so sehr verinnerlicht wie jener Kardiologe, von dem dieses Zitat stammt. Erstbeschreiber des Lown-Ganong-Levine-Syndroms, Entwickler der Lown-Klassifikation für ventrikuläre Extrasystolen, Erfinder der elektrischen Defibrillation, Gründer der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW), für die er den Friedensnobelpreis entgegen nahm: Professor Bernard Lown ist zweifelsohne ein Visionär, wodurch er zu einem der bedeutendsten Mediziner unserer Zeit avancierte. Jetzt sind die Lebenserinnerungen des 88-Jährigen auf Deutsch erschienen: "Ein Leben für das Leben".

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Seine Lebenserinnerungen sind jetzt auf Deutsch erschienen: Bernard Lown (88). © Smith

Bernard Lown wurde am 7. Juni 1921 als Boruch Latz in Litauen geboren. Sein Vater war Schuhmacher, seine Mutter brachte nach Boruch noch drei Kinder zur Welt. 1935 emigrierte die jüdische Familie nach Maine in die USA, wo sie den Namen Lown annahm. Bernard begann ein Medizinstudium, zunächst an der University of Maine, später an der Johns Hopkins University School of Medicine.

Rassismus aus nächster Nähe erlebt

In Baltimore erlebte der junge Student, den der Antisemitismus aus seiner Heimat vertrieben hatte, Rassismus aus nächster Nähe. "Im Krankenhaus gab es Toiletten für Schwarze und Toiletten für Weiße", erinnert sich Lown im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Es war 1942, Krieg, in Europa kämpften wir für Freiheit und Demokratie, aber hier, im Johns-Hopkins-Krankenhaus, herrschte Rassentrennung."

Lown engagiert sich. Für die Zulassung schwarzer Studenten, für Gleichberechtigung von Minderheiten. Bald gilt er als links und ist damit verdächtig. Zu jener Zeit ist er unter anderem für die Blutkonserven des Krankenhauses zuständig. Jene sind separiert in "White" für weiße Patienten und "Coloured" für Farbige. Eines Tages ändert Lown das C in ein W, was ihm eine vorübergehende Suspendierung vom akademischen Unterricht einbringt. Später nimmt er sein Studium wieder auf, 1945 promoviert er, arbeitet in der Folge an verschiedenen Kliniken und wechselt 1950 ans Peter Bent Brigham Hospital in Boston, um sich der kardiologischen Forschung zu widmen.

Hier wird Lown immer wieder mit Patienten konfrontiert, denen auch mit Medikamenten nicht zu helfen ist. 1959 behandelt der damals 37-jährige Kardiologe Mr. C., einen Schotten, der an einer Herzinsuffizienz leidet. Eines Tages verschlimmert sich dessen Zustand. Lown gibt ihm verschiedene Arzneien, ohne Erfolg. Im Gegenteil: Dem Mann geht es immer schlechter. Plötzlich erinnert sich der Arzt an einen Artikel, in dem es um eine elektrische Schockbehandlung ging. Lown fasst einen Entschluss. Er erklärt der Frau des Patienten, was er vorhat und dass ihr Mann unbehandelt in wenigen Stunden sterben wird. Sie stimmt zu. Auch die Klinikleitung gibt ihr Okay. Die Medikamente werden abgesetzt, der Patient anästhesiert und geschockt - am nächsten Tag kann er die Klinik verlassen.

Seither hat die von Lown erfundene Methode der Elektrodefibrillation weltweit Hunderttausenden von Menschen mit Kammerflimmern das Leben gerettet.

Zwei Jahre nach jenen Ereignissen hört Lown einen Vortrag des britischen Parlamentsabgeordneten Philip Noel-Baker, der 1959 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Sein Thema: der atomare Rüstungswettlauf. "Ein merkwürdiger Widerspruch rüttelte mich wach", erinnert sich der US-Kardiologe. "Ich verwandte jede freie Minute darauf, den plötzlichen Herztod zu besiegen. Nun wurde mir klar, dass die größte Gefahr für das menschliche Überleben nicht der Herztod war, sondern die nukleare Katastrophe."

Lown sammelt eine Gruppe von Ärzten um sich. Sie entwickeln eine Idee: Am Beispiel Bostons wollen sie die Folgen einer atomaren Explosion analysieren und die Ergebnisse im "New England Journal of Medicine" veröffentlichen. Die Ergebnisse sind schockierend: Von den knapp 2,9 Millionen Einwohnern Bostons würden durch einen Atomschlag eine Million auf der Stelle getötet. Auch wenn zehn Prozent der 6500 Ärzte unverletzt blieben, wäre keine sinnvolle medizinische Antwort auf eine solche Katastrophe möglich.

Die Geburtsstunde der IPPNW

Als die Artikel erscheinen, hallt das Echo bis in die Spitzen des US-Militärs wider. Es ist die Geburtsstunde einer Bewegung, die unter dem Namen Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs weltweit Beachtung findet. Zusammen mit seinem russischen Kollegen Jewgenij Tschasow, mit dem er die Organisation 1980 gegründet hat, nimmt Lown 1985 stellvertretend für die 145 000 IPPNW-Ärzte aus 41 Ländern den Friedensnobelpreis entgegen.

"Wir Ärzte müssen auch für Generationen sprechen, die noch ungeboren sind", ist Lowns Credo. "Wir werden nur erfolgreich sein, wenn wir Millionen Menschen mit unserer Vision erfüllen, sich für eine Welt ohne die gespenstischen Atomwaffen einzusetzen. Only those who see the invisible can do the impossible."

Bernard Lown: Ein Leben für das Leben. Ein Arzt kämpft gegen den atomaren Wahnsinn. Academia Verlag. Sankt Augustin 2009. 438 Seiten. 28,50 Euro. ISBN 978-3-89665-487-8.

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