Ärzte Zeitung, 07.05.2010

Die schwarze Wand, die alles überragt

Das Theater-Projekt "Black Dogs" bringt das Thema Depression auf die Bühne. Die Schauspieler sind auch Betroffene: Sie zeigen, wie dunkle Tage ihr Leben beeinträchtigen und wie groß die Angst vor einem Rückfall ist.

Von René Schellbach

MEMMINGEN. "Es tut uns leid, Ihre Erwartungen enttäuscht zu haben" - mit dieser Textzeile eines Patienten mit Depressionen startet das Theaterstück "Black Dogs" in Memmingen. Das Publikum liest Texteinblendungen und hört Stimmen vom Band - Patienten, die an dem Projekt mitgewirkt haben, aber nicht die Kraft fanden, auf der Bühne zu stehen.

Unter dem Titel "Ausgegrenzt" standen in Memmingen bereits Strafgefangene und arbeitslose Jugendliche auf der Bühne. Auch "Black Dogs" ist kein übliches Theaterstück. Der Titel erinnert an Winston Churchill, der seine Depressionen so nannte. Basis für das Theaterstück sind Interviews mit Betroffenen, Ärzten und Therapeuten, die die 26-jährige Regisseurin und Autorin Astrid Kohlmeier aus Graz führte. Zu Beginn der Proben gab es kein fertiges Buch, den roten Faden entwickelte sie zusammen mit den Betroffenen, aber es gibt keine exakt formulierten Dialoge. So brachte die erste Darstellerin, Elisabeth Ziegler aus Memmingen, Tagebuchaufzeichnungen mit. Später kam Anke Rencken dazu. Beide hatten ihre dunkelste Zeit vor über zehn Jahren, beide fürchten den Rückfall. Beide sind zuversichtlich, dass ihr Auftritt nicht zu Nachteilen im Alltag führen werde. Peter Höschler, Schauspieler am Landestheater, gibt ihnen als Erzähler am Bühnenrand den nötigen Rückhalt.

"Wir haben keinen unserer Patienten zum Mitmachen gedrängt", erklärte Dr. Andreas Küthmann im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Er ist Ärztlicher Direktor an der Memminger Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik sowie Vorsitzender beim regionalen "Bündnis gegen Depression" und hat das Projekt angestoßen. Der Verein engagiert sich im Unterallgäu für mehr Verständnis gegenüber jener Verdunkelung der Seele. "Depressionen werden immer mehr als solche erkannt, sie lösen in den Industrieländern wahrscheinlich bald Herz-Kreislauf-Erkankungen an der Spitze der Statistik ab", glaubt Küthmann. Die Hausärzte würden besser als früher mit den Spezialisten zusammen arbeiten. "Sie schicken die Patienten früher zu uns in die Klinik."

"Lass Dich nicht so gehen", "Das wird schon wieder" - hören depressive Menschen oft. Dabei, so wird im Stück deutlich, betrifft die Krankheit nicht nur die Patienten, sondern auch ihre ohnmächtigen Angehörigen. So gibt es starke Szenen: Elisabeth, die Hände vorm Gesicht, wird von einer immer schwärzeren Wand überragt. Anke zeigt dem Publikum ein Bild aus ihrer Maltherapie in der Klinik: "Ein Keimling, der nicht weiß, was er werden soll." Und dann bringt sich eine Mitpatientin mit Tabletten um.

Die beiden Darstellerinnen treten aus ihren Rollen direkt vors Publikum und erzählen von sich. Während Elisabeth regen Gebrauch macht von den Gruppen- und Gesprächsangeboten des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Memmingen, hält Anke sich lieber fern. "Weil mich das sonst wieder runter zieht." Elisabeth arbeitet halbtags bei einem Anwalt; Anke lebt von einer Rente und gibt Nachhilfe-Unterricht. Dass sich die beiden Frauen auf die Bühne gewagt haben, dafür gibt es nach den Vorstellungen viel Lob vom Publikum.

Weitere Aufführungen im Landestheater Schwaben, Memmingen, Kleines Haus am Schweizerberg, noch bis 22. Mai und am 26. Mai in Regensburg bei den Bayerischen Theatertagen. www.landestheater-schwaben.de, Tel. (08331) 9459-16.

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