Ärzte Zeitung, 12.05.2011

Ostprodukte finden immer mehr begeisterte Käufer

BERLIN (dpa). Im Laden von Bianca Schäler kommt die Erinnerung palettenweise. Gerade werden ein paar Dutzend Kisten "Dresdner Russisch Brot" geliefert - ein Renner bei den Kunden, sagt die 50-Jährige. Schäler betreibt in Berlin-Mitte das "Ostpaket" - ein Fachgeschäft für Lebensmittel mit DDR-Erinnerung.

Es liegt ziemlich versteckt im recht heruntergekommenen Berlin Carré. Trotzdem besuchen die Kunden ihren Laden am Alexanderplatz gezielt.

Auch über 20 Jahre nach dem Fall der Mauer reißt die Nachfrage nach Knusperflocken oder Schierker Feuerstein nicht ab - "im Gegenteil", betont Schäler: "Das Interesse ist groß, und es wird immer mehr." Im März habe sie ein Umsatzplus von 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erzielt, im Januar waren es 50 Prozent.

Der Jahresumsatz 2010 lag bei 484 000 Euro. Wegen des Erfolgs hat Schäler zwei neue Läden aufgemacht: Das "Geschenke-Kombinat" und den "Ostblock" mit Produkten aus ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts. Und Schäler ist nur eine von zig Händlern: Zur Berliner Ostprodukte-Messe Ostpro kamen im April rund 130 Aussteller.

Ethnologen sind gar nicht so überrascht über den Ost-Hype: "Immer noch ist die Mehrheit der im Osten lebenden Menschen in der DDR aufgewachsen. Und die haben zu einzelnen Dingen des Alltags oft eine sehr enge Bindung, in emotionaler wie in ästhetischer Hinsicht", sagt der Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität in Berlin, Wolfgang Kaschuba. Wer beispielsweise 30 Jahre lang eine bestimmte Hautcreme verwende, der wolle auch nach einem politischen Systemwechsel nicht einfach davon lassen.

Sabine M. kauft nicht seit Jahrzehnten die gleiche Hautcreme, sondern die gleichen Rollmöpse. Die 54-jährige geht regelmäßig im "Ostpaket" shoppen. Rollmöpse - da habe sie schon viele West-Sorten ausprobiert, sagt sie. "Aber die aus dem Osten schmecken mir einfach am besten." Überhaupt seien es die "kleinen Alltagsdinge" aus der DDR, an die sie sich gerne erinnere.

Dieses neue Selbstbewusstsein ist bemerkenswert, wie Ethnologe Kaschuba konstatiert. Nach der Deutschen Einheit sei die Entwicklung nämlich zunächst in die andere Richtung gegangen: "Um 1993/1994 setzte sich die westliche Mode stark durch, Ostprodukte galten als provinziell", sagt er. Also keine Cabinet Würzig mehr: "Man wollte die weite Welt und rauchte Peter Stuyvesant."

Erst allmählich habe die ostdeutsche Bevölkerung zu ihrem Heimatgefühl zurückgefunden, das jetzt mit dem Revival der DDR-Produkte Ausdruck finde. "Man kann da durchaus von einem Stück Emanzipation sprechen", sagt der Ethnologe.

Dabei haben viele Produkte im "Ostpaket" gar nicht mehr viel mit den alten DDR-Lebensmitteln zu tun. Die Halloren-Kugeln aus Halle beispielsweise hätten heute eine ganz andere Rezeptur als früher, sagt Schäler. Auch optisch wurden viele Produkte aufgehübscht.

Aber bei aller Begeisterung: Alle paar Wochen kommt es im "Ostpaket" zu Kritik am Geschäft mit der DDR-Nostalgie, wie Schäler berichtet. Ob Ampelmännchen oder T-Shirt mit Erich-Honecker-Motiv - "gerade der spielerische Umgang mit der DDR-Vergangenheit ist für Opfer des SED-Regimes natürlich schwer zu ertragen", sagt Ethnologe Kaschuba.

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