Ärzte Zeitung, 03.10.2011

Massen-Wiederbelebungskurs: Weltrekordversuch vor leeren Rängen

250 Intensivmediziner waren am Samstag im Berliner Olympiastadion bereit für den größten Wiederbelebungskurs der Welt. 8000 Fußballfans sollten üben, wie sie Leben retten können - das Interesse aber war gering.

Von Eugenie Wulfert

Ein Weltrekordversuch vor leeren Rängen

Vorbereitung auf den Reanimationskurs mit vielen motivierten Helfern - am Ende war das Interesse im Olympiastadion gering.

© Reimo Schaaf

BERLIN. Ungeduldig warten Claudia Gavriles, Martin Henneberg und etwa 250 ihrer Kollegen auf den Rängen des Berliner Olympiastadions auf ihre Schüler. Die Intensivmediziner sollen vor der Bundesligapartie Hertha BSC gegen den 1. FC Köln mindestens 8000 Menschen in Wiederbelebungsmaßnahmen schulen und damit ins Guinnessbuch der Rekorde kommen.

"Wir wollen unbedingt den bisherigen Rekord brechen", zeigt sich Gavriles hoch motiviert. Zu diesem Zeitpunkt sind die Ärzte noch voller Hoffnung, dass sie in Kürze den größten Wiederbelebungskurs auf der Welt realisieren werden.

"Viele Menschen begreifen nicht, dass auch sie oder ihre Angehörigen einen Herzstillstand erleiden könnten."

Allerdings verstreicht der angekündigte Starttermin, ohne dass genügend Menschen den Weg auf die Tribünen finden. Nur knapp 260 Besucher des Olympiastadions wollen üben, wie man im Notfall Leben retten kann. Der Weltrekord scheitert deutlich. Der Präsident der Gesellschaft, Jean-Daniel Chiche, zeigte sich enttäuscht über die geringer Teilnehmerzahl: "Viele Menschen begreifen nicht, dass auch sie oder ihre Angehörigen einen Herzstillstand erleiden könnten."

Andreas und Benedikt Ludwig gehören allerdings zu den Menschen, die die Bedeutung einer schnellen Hilfe verstehen. Für Vater und Sohn war der Kurs sogar der ausschlaggebende Grund, an diesem Tag ins Stadion zu kommen.

"Mein Vater hat mich mit den Worten geweckt: Wir gehen heute zum Spiel, aber davor zum Wiederbelebungskurs", erzählt Benedikt. Wirklich unglücklich war er allerdings nicht darüber.

"Ich habe schon mal erlebt, wie ein Mädchen bewusstlos wurde. Da wusste keiner von uns, was zu tun ist. Wir haben dann einfach nur den Krankenwagen gerufen", erinnert sich der 19-Jährige. So hilflos will er sich in einer solchen Situation nie wieder fühlen.

Teilnehmer staunen, wie anstrengend eine Reanimation ist

Nach Beginn des Trainings staunen Benedikt und sein Vater nicht schlecht, wie schwierig es ist, lange durchzuhalten. "Wenn ich überlege, dass der Notarzt vielleicht eine halbe Stunde bis zum Unfallort braucht, ist das schon sehr anstrengend", sagt Andreas Ludwig. Immerhin muss man bei einer Herzmassage 100 bis 120 Mal pro Minute pumpen.

Claudia Gavriles gibt einen Tipp, wie Nothelfer die richtige Geschwindigkeit bei der Herzmassage treffen.

"Bei Kindern kann man zum Rhythmus des Radetzky-Marsches drücken, bei Erwachsenen im Takt des Bee Gees-Songs "Staying alive", rät die Internistin aus dem Berliner Humboldt-Krankenhaus.

Intensivmediziner bemängeln die Organisation

Als die Ärzte nach dem missglückten Rekordversuch das Stadion verlassen, sind viele enttäuscht. Einige Intensivmediziner bemängeln die Organisation. Für die Tribünen, auf denen der Kurs stattgefunden hat, seien keine Eintrittskarten für das Fußballspiel verkauft worden.

Berlin war die erste Station einer europaweiten Tour, mit der die European Society of Intensive Care Medicine auf die Bedeutung der spontanen Hilfe hinweisen will.

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