Ärzte Zeitung, 17.06.2013

Internationale Tage Ingelheim

Von Goethe bis Ringelnatz

Sie haben die Kultur als Wort- und Bildkünstler zugleich bereichert. Die Internationalen Tage Ingelheim präsentieren in diesem Jahr neun doppelt begabte Männer und Frauen, die Weltruhm erlangt haben.

Von Pete Smith

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Die Gemälde des Berliner Dichters Joachim Ringelnatz sind wenig bekannt. Die Ausstellung in Ingelheim zeigt mehrere Bilder.

© Smi

INGELHEIM. Künstler nutzen mitunter verschiedene Formen, um sich auszudrücken, sie schreiben und zeichnen, dichten und modellieren.

Die Ausstellung "Wortkünstler/Bildkünstler", zu der das Unternehmen Boehringer Ingelheim im Rahmen seiner Internationalen Tage einlädt, präsentiert neun doppelt begabte Künstler - von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller.

Die Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Hermann Hesse, an die man beim Stichwort künstlerische Doppelbegabung vielleicht als erstes denkt, sucht man in der Ausstellung im Alten Rathaus der Stadt Ingelheim am Rhein vergeblich.

Er habe, begründet Dr. Ulrich Luckhardt, als Nachfolger von Dr. Patricia Rochard neuer Kurator der Internationalen Tage, nur solche künstlerische Positionen berücksichtigt, die eigenständig, also keinesfalls epigonal seien.

Goethe und Tischbein

Allerdings trifft dies schon auf den ersten Künstler der Exposition, den Dichterfürsten Goethe, allenfalls eingeschränkt zu. Denn Goethe hat sich in seinem bildnerischen Werk sehr wohl an anderen Künstlern angelehnt, allen voran Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, mit dem er 1787 nach Neapel reiste.

Internationale Tage

Die Ausstellung "Wortkünstler/Bildkünstler" ist bis zum 7. Juli im Alten Rathaus, François-Lachenal-Platz 1, 55218 Ingelheim am Rhein sowie im Museum bei der Kaiserpfalz zu sehen.

Weitere Informationen unter: www.internationale-tage.de

Aus dieser Zeit stammen einige jener Werke, die in Ingelheim zu sehen sind, andere sind 1810 entstanden und zeigen Motive aus Weimar und Jena sowie Bilder, die auf Reisen nach Böhmen und an die Saale entstanden sind.

Der Dichter und Arzt Justinus Kerner (1786-1862) hat mit seinen "Klexographien" tatsächlich eine eigene Ausdrucksform geschaffen. Seine Tintenklecksbilder sind durch Papierfaltung entstanden und von Kerner nachträglich versinnbildlicht worden, indem er den zufällig entstandenen Formen mit Hilfe seiner Tuschfeder konkrete Gestalt verlieh.

Der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach ließ sich von Kerner ein halbes Jahrhundert später zu seinem berühmten Testverfahren inspirieren.

In Deutschland wenig bekannt ist das bildnerische Werk der französischen Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) und George Sand (1804-1876). Während Hugo topografisch exakte, auf Reisen entstandene Landschaftszeichnungen in visionäre Bildkompositionen verfremdete, kreierte seine Kollegin George Sand ein neuartiges Verfahren.

Sie nannte es "Dendrit", dafür mengte sie der Aquarellfarbe Kleister bei, die bemalten Blätter presste sie aufeinander und zog sie wieder ab. Die so entstandenen Farbwölkchen geben ihren Bildern eine ganz eigene Wirkung.

Tradition seit 1959

Von Hans Christian Andersen (1805-1875) werden in Ingelheim Scherenschnitte gezeigt, die der Märchendichter vor allem für die Kinder seiner Freunde schuf. Wilhelm Busch (1832-1908), der ursprünglich wirklich Maler werden wollte, ist mit einigen Ölgemälden und Büsten vertreten.

Der unbekannteste Wortkünstler der Ausstellung dürfte Paul Scheerbart (1863-1915) sein, der die in seinen fantastischen Romanen entworfene Welt in zeichnerische Bildvisionen übertrug.

Joachim Ringelnatz (1883-1934) schließlich trat als bildender Künstler vor allem mit den Illustrationen zu seinem 1924 erschienenen Roman "…liner Roma…" hervor, von denen einige Blätter im Alten Rathaus gezeigt werden.

"Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller" lautet der Untertitel der Exposition, in der die einzige Vertreterin der Gegenwartsliteratur gleichsam als Kontrapunkt zur Ausstellung im Alten Rathaus präsentiert wird: Herta Müller erhält im direkt gegenüber liegenden Museum bei der Kaiserpfalz einen eigenen Raum, in dem 240 ihrer karteikartenkleinen Collagen hängen. Die Literaturnobelpreisträgerin von 2009 sieht sich selbst übrigens nicht als Bildkünstlerin.

Die Internationalen Tage Ingelheim haben inzwischen eine lange Tradition. Sie fanden erstmals im Jahr 1959 statt und sind ein Kulturengagement von Boehringer Ingelheim. Die renommierte Schau steht jährlich auf dem Veranstaltungsprogramm, immer zwischen Mai und Juli.

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